Leningradski Feminism 1979 heute


Mit der Ausstellung «Leningradski feminism 1979» wollten die Kurator*innen zum Dialog zwischen Feminist*innen von damals und heute, aus Ost und West und aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen anregen. Die Frage war dabei, welche Relevanz die Themen von 1979 in der gegenwärtigen feministischen Kultur- und Kunstszene haben. Deshalb zeigen wir hier in Kooperation mit dem Aleksander-Brückner-Zentrum für Polenstudien eine Auswahl aktueller Arbeiten feministischer Künstler*innen, die einen Einblick in die lebendige feministische Kunstszene in Russland und Belarus gibt.

Viele Fragen von 1979 scheinen heute ebenso dringlich. Lada Neoberdina beschäftigt sich in ihrer Installation mit dem Recht auf Abtreibung. Die Street-Art-Gruppe «Die Hässlichen» in St. Petersburg prangern die Verfolgung von Feminist*innen an. Die täglichen Proteste in Belarus, die zurzeit sichtbarsten Zeichen eines gesellschaftlichen Aufbruchs, begleitet Viktorija Grebennikowa mit ihren Collagen.

Die Ausstellung wurde von der Kulturwerkstatt »Zhaba/Die Kröte« gemeinsam mit Wissenschaftler*innen, Zeitzeug*innen, Künstler*innen und Feminist*innen erarbeitet. Unterstützt wurden sie vom Leipziger Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), Memorial St. Petersburg und dem Auswärtigen Amt. Die Leitung hatten die beiden Kultur- und Literaturwissenschaftler*innen, Kulturmittler*innen und Kurator*innen Olessja Bessmeltsewa (St. Petersburg) und Philipp Venghaus (Leipzig).

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Eden oder Garten der Lüste

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Eden oder Garten der Lüste, Künstlerin Lada Neoberdinda (Russland)

russ. Originaltitel: Эдем или Сад Наслаждений, Moskau, 2017. Fotografien, Dokumentation einer In-situ-Installation und Performance im Rahmen des Residenzprogramms des Kunstzentrums «CTI Fabrika» (Moskau) vom 16. bis 23. März 2017

Leningrad und darüber hinaus, Orte des Protests.

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Künstlerin: Viktorija Grebennikowa

Die Hässlichen

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Eden oder Garten der Lüste

Die Installation thematisiert die Beziehung von Regierung und Bürger*innen am Beispiel des Zugangs zur Abtreibung, inspiriert von Ljudmila Ulizkajas Roman «Kukotskis Fall», im Deutschen erschienen unter dem Titel «Reise in den siebenten Himmel»

Lada Neoberdinda

Lada Neberdina wurde 1988 in Nordrussland geboren und lebt und arbeitet in Frankreich. Ihr künstlerisches Portfolio umfasst Installationen, Performances, Fotografie, Video, Stickerei, Street Art und interdisziplinäre Projekte. Zentrale Themen sind Tradition, Textilien, soziale Bewegungen und Feminismus.


Titel: Republik, engl. Originaltitel: Republic, Minsk, 2020

Viktorija Grebennikowa, 21 Jahre, geboren in Vitebsk, Belarus, wohnt in Minsk, ist Künstlerin, Femaktivistin und Eventmanagerin. Sie hat dieses Jahr ihr Studium abgeschlossen, engagiert sich in Kunstorganisationen, sozialen und künstlerischen Initiativen und nimmt täglich an Protestaktionen teil.

Digitale Collagen

Titel: Störche, belarus. Originaltitel: Буслы, Minsk, 2020

«Störche und Kornblumen sind Teil der belarusischen Symbolik. Diese Zeichen werden in der Propaganda verwendet, weshalb sie für Belarus*innen eng verbunden sind mit der Heuchelei regierungsnaher Strukturen. Die Propaganda verdeckt Gewalt, Folter und politische Morde mit Geschichten über Störche, Felder und Traditionen. Wir leben inmitten von Wahlfälschungen, täglichen Protesten und Polizeigewalt. Ich lese jeden Tag die Nachrichten von Folter und Misshandlungen in Untersuchungshaft. Dabei werden oft willkürlich unbeteiligte Passant*innen verhaftet.
Aber gleichzeitig sind sich die Belarus*innen so einig und so aktiv wie nie zuvor und die Protestbewegung wird von drei Frauen geführt.
Aber alles, was um uns herum passiert, ist von Dualität geprägt: selbst die konservativsten Belarus*innen unterstützen Frauen an der Macht, aber gleichzeitig negieren sie jegliche in ihren Augen unpassende Geschlechterrollen und vertreten einen aggressiven Anti-Feminismus.»

Pappe Nr. 1 , engl. Originaltitel: Cardboard number 1, Minsk, Juli 2020, Collage aus Zeitschriften, Baukarton, Papier (Faksimile).

Pappe Nr. 2, engl. Originaltitel: Cardboard number 2, Minsk, Juli 2020., Collage aus Zeitschriften, Baukarton, Papier (Faksimile).

«Bei diesen Arbeiten habe ich an Demonstrationen, Kundgebungen und Kunstaktivismus gedacht. Das Material ist Pappe, wie wir sie schon oft in den Händen von Aktivist*innen und politisch denkenden Bürger*innen gesehen haben, bei Streiks, Straßenprotesten und Pride-Paraden. In meiner neuen belarusischen Umwelt, in der plötzlich so viel Aktivität und Protest herrscht, gedenke ich aller Proteste, die vor unserer Zeit stattgefunden haben, gerade jetzt stattfinden und in Zukunft stattfinden werden.» (V.G.)

Pappschild für eine Demonstration, engl. Originaltitel: Cardboard for the march, Minsk, August 2020. Collage aus Pappe, Zeitschrift (Faksimile).

Die Künstlerin schreibt dazu: «In Belarus haben sich innerhalb weniger Tage immer mehr Menschen  Straßenprotesten angeschlossen. Auch Künstler*innen dürfen sich unter solchen Bedingungen nicht Gedankenspiele beschränken, sie müssen sich den Demonstrationen anschließen. Und so wird aus Kunst Aktionismus – und Bürger*innen, die noch nie darüber nachgedacht haben, politisch aktiv zu werden, gehen zum Protestieren auf die Straße. Das Plakat wurde für eine Demonstration nach der Fälschung der Präsidentschaftswahlen in Belarus angefertigt. Die Demonstration richtete sich gegen den ehemaligen Präsidenten, der die Macht gewaltsam an sich reißt und die gewaltsame Auflösung der Demonstrationen und die Verhaftung von Demonstrant*innen anordnete. Viele der Verhafteten erleiden psychische, sexuelle und physische Gewalt durch die Sicherheitsorgane.»


Die St. Petersburger Gruppe «Die Hässlichen» trat zum ersten Mal im Herbst 2018 in Aktion, sie definiert ihre Arbeit als «Angst einflößende haarige Straßen-feministische Kunst». Sie schreiben: «Angst einzuflößen, ist einfach, denn dazu muss man nur gegen das Patriarchat sein. Alle Mitglieder der Gruppe sind Angst einflößend hässliche Feministinnen.»

«Die Hässlichen» (russ.: «уродины») Na, und? russ. Originaltitel: И чё?, St. Petersburg, 16. Juni 2020. Fotografien.

«Es lag an uns, in unseren Körpern zu existieren. Das ist kein Verbrechen. Das Verbrechen ist die Verfolgung von Julia Zwetkowa.»*

 

«Diese Кamille fordern ein Ende der Verfolgung von Julia Zwetkowa!»

«Diese schlauen Veilchen wissen, dass die Skizze einer Vulva keine Pornografie ist.»

«Diese Petunien erlauben es Ihnen, Informationen über das weibliche Fortpflanzungssystem zu suchen und zu verbreiten.»

«Diese Brennnessel tritt ein für Sexualerziehung von Kindern, Erwachsenen und Polizisten.»

*Julia Zwetkowa, mit der sich die Gruppe «Die Hässlichen» hier solidarisiert, ist eine 27-jährige Künstlerin aus Komsomolsk-am-Amur an der russischen Pazifikküste. Sie wurde beschuldigt, pornografisches Material im Internet verbreitet zu haben, womit ihr bis zu sechs Jahren Haft drohen. Auslöser der Anschuldigungen ihre Mitarbeit an einer feministischen, körperpositiven Online-Community in den soziale Netzwerken. Die Seite heißt «The Vagina Monologues». auf ihr wurden Zeichnungen mit verfremdeten Darstellungen weiblicher Geschlechtsorgane von Julia Zwetkowa gezeigt. Unterstützer*innen Julia Zwetkowas betonen, dass es sich bei ihren Zeichnungen nicht um Pornografie, sondern um Kunst handelt und die Zeichnungen nicht pornografischer sind, als Darstellungen in Schulbüchern zum Anatomie-Unterricht.

Mehr dazu auf Russisch und Englisch auf dieser Seite

Auszug aus dem Buch "Kukotskis Fall"

Er [der Arzt Pawel Alexejewitsch] reichte nicht seinen ganzen Plan [zur Genehmigung bei der ihm

vorgesetzten Behörde] ein, sondern nur einen Teil davon, der die aus seiner Sicht schmerzhafteste Frage betraf, nämlich wie das Problem der Abtreibung zu lösen sei.

In einem langen, klobigen Buro saß an einem riesigen Schreibtisch ein kleiner Mann mit einem

geschwollenen Gesicht, modelliert aus einem Stuck Seife. Eines dieser Gesichter, die als Porträts am 1. Mai im Frühlingswind schwankten. ≪Was haben Sie dort mitgebracht?≫

Es war ein herausgeschnittener Uterus, der stärkste und komplexeste Muskel im weiblichen Körper. In Längsrichtung geschnitten und offen, ähnelte seine Farbe der von gekochten braun-gelben Futterrüben, denn er hatte noch keine Zeit gehabt, sich im starken Formalin zu verfärben. In der Gebärmutter befand sich eine keimende Zwiebel. Der monströse Kampf zwischen der Leibesfrucht, die in den dichten farblosen Faden verwickelt war, und dem durchscheinenden, raubtierartigen Beutel, der eher dem Körper eines Meerestiers als einer gewöhnlichen Zwiebel ähnelte, die man für Suppe oder Vinaigrette nahm, war entschieden.

≪Ich bitte um Ihre ganze Aufmerksamkeit. Dies ist eine schwangere Gebärmutter mit einer keimenden Zwiebel. Die Zwiebel wird in den Gebärmutterhals eingeführt und keimt. Das Wurzelsystem dringt in die Leibesfrucht ein und wird dann mit der Leibesfrucht entsorgt. Im erfolgreichen Fall natürlich. Die ohne Erfolg landen auf meinem Operationstisch oder direkt auf dem Wagankowoer Friedhof ...≫

Sein Vorgesetzter wurde angespannt: ≪Was gibt Ihnen das Recht ... Wie können Sie es wagen ...≫Ich wage es, ich wage es. Wenn es mir nach einer kriminellen Abtreibung gelingt, eine Frau dem Tode abzuringen, muss ich ‚spontane Fehlgeburt‘ in ihre Krankenakte schreiben. Denn wenn ich es nicht tue, bringe ich sie ins Gefängnis. Oder ihre Nachbarin, die auch kleine Kinder hat, und die Hälfte unserer Kinder sind bereits vaterlos. Glauben Sie mir, diese Zwiebel ist die genialste, aber nicht die einzige Methode zur Abtreibung. Metallnadeln, Katheter, Scheren, intrauterine Injektionen, verdammt noch mal ... Jod, Soda, Seifenwasser ...≫

≪Hör auf, Pawel Alexejewitsch≫, bat der weiß getünchte Beamte und erinnerte sich daran, dass auch seine Frau vor dem Krieg auf so etwas zurückgegriffen hatte. ≪Genug, was willst du von mir?≫

≪Wir brauchen ein Dekret, um Abtreibung zu ermöglichen.≫

≪Sie sind verrückt geworden! Verstehen Sie nicht, dass auch ein staatliches Interesse gibt, das Interesse der Nation? Wir haben im Krieg Millionen von Männern verloren. Wir stehen vor der Herausforderung, diesen Bevölkerungsverlust auszugleichen. Was Sie reden ist kindisches Geschwätz ...≫ ≪Wir haben Millionen von Männern verloren, und jetzt verlieren wir Tausende von Frauen. Eine ehrlichemedizinische Abtreibung birgt keine Todesgefahr.≫ Pawel Alexejewitsch runzelte die Stirn. ≪Sie sehen, wenn wir die Zufriedenheit der Bevölkerung steigern, dann wird schon das alleine zu einem Anstieg der Geburtenrate fuhren ...≫ Pawel Alexejewitsch Blick traf sich mit dem des Beamten. ≪Wie viele Waisenkinder bleiben zurück. Waisenhäuser werden übrigens auch aus dem Staatshaushalt gespeist ... Wir müssen es erlauben. Wir werden es gegenüber unserem Gewissen verantworten müssen ...≫

...

≪Sie nehmen sich einiges heraus≫, bellte der Parteibeamte und sah nicht mehr aus wie sein Porträt vom 1. Mai. ≪Weil Sie nichts übernehmen wollen≫, schnappte Pawel Alexejewitsch zurück. Damit war das Gespräch beendet. Das Präparat blieb zurück auf dem edlen Tisch neben dem Tuscheset, verziert mit dem gusseisernen Kopf eines proletarischen Schriftstellers ...

 

Ljudmila Ulizkaja, ≪Kukotskis Fall≫. Moskau, 2001. Ausschnitt übersetzt von Philipp Venghaus.