30 Jahre Grünes Band

 „30 Jahre Grünes Band – Perspektiven für die Altmark“
Vernetzung, Austausch, Diskussion

(Veranstaltungsbericht_Salzwedel_end als pdf lesen)

Bericht: Rebecca Plassa

Am 11. Juli veranstaltete die Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt gemeinsam mit dem BUND Sachsen-Anhalt e.V. in der Hansestadt Salzwedel eine Podiumsrunde anlässlich des 30jährigen Jubiläums des Grünen Bandes. Mit Anne Schliephake (Historikerin und Kulturmanagerin, Kunsthaus Salzwedel), Jana Henning (Altmarkbotschafterin, „In the Middle of Nüscht“, Stadtmarketing Hansestadt Osterburg) und Dieter Leupold (Projektleiter Grünes Band) diskutierten wir gemeinsam mit vielen Teilnehmer*innen,  wie das Potential des Grünen Bandes für die Altmark weiterentwickelt und genutzt werden kann. Uns interessierte, wie das Grüne Band lokal und regional eingebunden ist und wie die gesamte Altmark von der einzigartigen Erinnerungslandschaft und ökologischen Schatz profitieren kann. Zudem wollten wir wissen, was die entscheidenden Erfolgsfaktoren für ein gutes und attraktives Leben im ländlichen Raum fragen, die (jungen) Menschen das Dableiben und Zurückkommen in die Region erleichtern.

Das Grüne Band – Erinnerungsraum an die friedliche Überwindung der SED-Diktatur und der Teilung Europas sowie ökologischer Schatz

Der BUND hat das Grüne Band, dh. den schmalen, bis zu 5 km breiten Bereich entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze zu einem der größten und bedeutsamsten Naturschutzprojekte in Deutschland entwickelt. Im Jahr 2019 wird das Grüne Band von der Kenia-Koalition voraussichtlich als Nationales Naturmonument unter einen besonderen Schutz gestellt. Dieser Status erlaubt es, die Erinnerungskultur des Grünen Bandes, zum Beispiel alte Wachtürme, Grenzanlage und geschliffene Dörfer zu erhalten, als auch die besondere Naturlandschaft und Biotope, die im kaum von Menschen genutzten Grenzgebiet entstanden sind, zu bewahren.

Der Altmarkkreis Salzwedel besitzt mit 132 km einen der längsten Streckenabschnitte des Grünen Bandes in Deutschland. Gleichzeitig ist der Landkreis laut eines Rankings aus dem Jahr 2018 die wirtschaftlich schwächste Region Deutschlands.  Zusätzlich trifft der demographische Wandel die gesamte Altmark mit besonderer Härte, wie eine aktuelle Studie des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung prognostiziert.

„…Dreiklang aus Naturschutz, Grenzgeschichte und Kultur…“
(BUND-Projektleiter Dieter Leupold über das Potential des Grünen Bandes)

Welche Perspektiven bietet das Grüne Band für die Region? Und wie kann das Potential des Grünen Bandes weiterentwickelt werden? Vor dem Hintergrund der oben beschriebenen Ausgangssituation eröffneten diese Fragen den Beginn der gut besuchten Diskussion. Dieter Leupold skizzierte in einem kurzen Rückblick die Aktivitäten des BUND, die bereits wenige Wochen nach dem Mauerfall begannen und sich in den 90er Jahren intensiv gegen den Ausverkauf des Grünen Bandes durch Privatisierung richtete. Mit den touristischen Produkten, etwa dem Vier-Länder-Grenzradweg oder dem ‚Erlebnis Grünes Band‘ seien bereits erfolgreiche Produkte entstanden. Als nächstes gelte es, so der Biologe weiter, das Projekt „Lückenschluss Grünes Band“, zu vollenden.  „Aus den Erfahrungen der letzten Jahre wissen wir, dass das Grüne Band in der nördlichen Altmark mit seinem Dreiklang aus Naturschutz, Grenzgeschichte und Kultur auf ein großes Interesse bei Einheimischen aber auch Besuchern der Region stößt. Dieses Potenzial gilt es zukünftig noch sehr viel besser als Impulsgeber für eine nachhaltige Regionalentwicklung zu nutzen und da kann der Status als Nationales Naturmonument einen wichtigen Beitrag leisten“, sagt der Projektleiter des Grünen Bands und stellvertretende Vorsitzende vom BUND Sachsen-Anhalt e.V..

Identitätsstiftend und ökologisch ausgesprochen wertvoll

„Im Grünen Band liegt viel touristisches Potential und möglicherweise auch ein identitätstiftender Anker für die Region Altmark, die sich ja häufig noch stark in Ost- und Westaltmark denkt“, so die Osterburger Verwaltungsangestellte Jana Henning. „Gerade heute in Zeiten des Klimawandels“, findet die ehrenamtliche #Altmarkbotschafterin „ist das Grüne Band mitsamt seiner Biotope und ökologischen Nischen ausgesprochen wertvoll.“  Sie wünscht sich für das Grüne Band und die umliegende Region eine stärkere interkommunale Zusammenarbeit, gerade in Sachen Natur- und Klimaschutz. „Ein Zweckverband für Umwelt- und Naturschutz, das wäre doch was!“ Sie sieht zudem, und darin stimmen ihr Dieter Leupold und Anne Schliephake zu, ein Defizit bei der gemeinsamen regionalen Vermarktung des Grünen Bandes und der Altmark insgesamt.

Potential besonders in der Verbesserung des Regionalmarketings und der Sichtbarkeit von Aktivitäten und Initiativen

Die Kulturmanagerin Anne Schliephake, die sich in Salzwedel ehrenamtlich im Verein „Kultur-Nische“ u.a. für den Erhalt der traditionellen Fachwerkhäuser in der Hansestadt einsetzt, sieht ebenfalls im Bereich Naturschutz, als auch im Bereich des nachhaltigen Individualtourismus eine große Chance für die Altmark. Deutlich sei jedoch, so die Kulturmanagerin, dass es bisher noch an passender Infrastruktur, wie kleinen Herbergen fehle, zudem sei eine große Frage, wie auch kleine Aktivitäten und Initiativen sichtbar werden könnten.

Dies führte zu einem weiteren wichtigen Thema des Abends, der Frage von kontinuierlicher und dauerhafter Vernetzungsarbeit, die unabhängige(er) von der Aktivität von Einzelpersonen sein sollte. Aus den Beiträgen der Podiumsgäste, aber auch der Teilnehmer*innen wurde deutlich, dass es viel Engagement, verschiedenste Akteur*innen und Ideen gibt, es aber an übergreifenden Koordinationsstrukturen, die wichtig wären und auch finanziert sein müssten, mangelt. „Aus meiner Sicht“, so Anne Schliephake, „wäre es schön eine Art Schnittstelle oder Koordinator*in für die Regionalentwicklung/Vernetzung zu haben, damit Initiativen gebündelt werden können bzw. untersucht wird an welchen Stellen besonders Handlungsbedarf besteht.“

Dieter Leupold machte an diesem Punkt deutlich, dass nicht nur die regionale Vernetzungs- und Vermarktungsarbeit verbesserungsfähig sei, sondern auch die überregionale Vernetzungs- und Vermarktungsarbeit. Schließlich müsse man besonders beim Tourismus in der Region auch das Wendland mit einbeziehen und könne nicht an der Ländergrenze stehen bleiben.

Naturschutzleistungen der Bauern und Bäuerinnen sollten stärker honoriert werden

Eine Vertreterin des Landwirtschaftverbands der Region machte noch einmal deutlich, dass die Entwicklung des Grünen Bands nur gemeinsam mit der ansässigen Landwirtschaft gehen könne. Hier stimmt Dieter Leupold zu, aus seiner Sicht kann die Kulturlandschaft des Grünen Bandes nur zusammen erhalten werden und deshalb sollten Naturschutzleistungen der Bauern und Bäuerinnen vom Land honoriert werden. „Hier brauchen wir ein Umdenken“, so der Umweltschützer „Leistungen, die dem Gemeinwohl aller dienen, aber regional von Landwirt*innen geleistet werden, wie zum Beispiel das Vernässen von Flächen, sollten vom Land wenigstens mit einer Ausgleichszahlung bedacht werden.“

Daseinsvorsorge im ländlichen Raum sollte vor Ort diskutiert werden

Aus Zeitgründen nur kurz andiskutiert wurde die Frage, welche Faktoren des Leben auf dem Land attraktiv machen und wie man junge Leute auf dem Land hält bzw. zur Rückkehr animieren kann. Anne Schliephake, als im Verein Engagiert findet es schade, dass die kommunalen Stadt- und Gemeinderäte aufgrund des starken Haushaltsdrucks kaum offen für Diskussionen und Innovationen zur Entwicklung der Region seien. Natürlich spiele auch hier Infrastruktur eine wichtige Rolle, führt sie weiter aus, und hier vor allem das, was unter die Daseinsvorsorge zähle, wie zum Beispiel die ausreichende Versorgung mit Ärzt*innen. „Aber ist das Wohnen in einer intakten Natur nicht auch wertvolle Lebensqualität, die häufig gar nicht in den Bereich der Daseinsvorsorge gezählt werde“, fragte Jana Henning zurück. Sie verwies zudem auf mehrere Modellprojekte mit Coworking-Spaces im ländlichen Raum, die eine Facette sein könnten, um Menschen auf dem Land zu halten. „Und wir brauchen in der Altmark auch die Wirtschaft, damit junge Menschen Jobs finden, das geht nicht nur mit nachhaltigen Tourismus-Projekten“ erklärte der Unternehmer Dietrich von Gruben in seinem Diskussionsbeitrag. Dieser Themenkomplex, mitsamt der Frage, was Daseinsvorsorgestrukturen im ländlichen Raum ausmachen, welche unbedingt erhalten werden müssten und welche Best-Practice es schon gibt, wurden abschließend als Themen für nächste Veranstaltungen genannt.

 

 

Einladung zum Geschichts-Kaffee – Zonengrenze Wahrenberg an der Elbe
Fragen, Austausch, Begegnung – Das Grüne Band erfahren

(Veranstaltungsbericht Wahrenberg_end als pdf lesen)

Text: Rebecca Plassa, Foto: André Kehrer

Die Elbe im schönen Storchendorf Wahrenberg ist ein malerischer Anblick – bis vor 30 Jahren war sie jedoch eine oft tödliche Zonengrenze. Heute zieht sich entlang des innerdeutschen Sperrgebiets der größte Biotop-Verbund Deutschlands, das Grüne Band, das Gedenkorte und Naturerlebnisse, aber auch Menschen miteinander verbindet.

Gemeinsam mit dem Elbehof und dem Café ANNE~ELBE haben wir am 13. Juli 2019 zu einer Veranstaltung am Deichcafè geladen und sprachen mit Zeitzeug*innen darüber, wie es sich direkt an der innerdeutschen Zonengrenze lebte und wie sich die friedliche Revolution auf Wahrenberg und die gesamte Altmark ausgewirkt hat.

„…Speed-Dating in Zeitgeschichte…“
(Cafè-Inhaberin Anne Zinke über das Format)

Anne Zinke, die das Flusscafé seit 11 Jahren führt, über das Konzept der Veranstaltung, die die Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt initiiert hat: „Für mich als Zugezogene ist es bei der Arbeit im Flusscafé immer wieder spannend, Leute zu treffen – grade auch Leute, die hier aufgewachsen sind. Man kommt an den großen Tischen ganz natürlich miteinander ins Gespräch und oft sind es erstaunliche Erlebnisse, von denen erzählt wird. Als ich Kind war, gab es auch Zeitzeugen, die uns zu Pioniernachmittagen z.B. vom Krieg erzählten: da hat vorn einer geredet und wir Kinder hörten mehr oder weniger interessiert zu. Das war damals weit von der eigenen Erlebniswelt entfernt. Jetzt hier vor Ort zusammen an einem Tisch kurz vor dem ehemaligen Sperrgebiet zu sitzen und zu hören, wie es sich hier, so nah an der innerdeutschen Grenze gelebt hat und unmittelbar nachhaken zu können – das ist eine spannende Sache! Wer kommt, kann sich auf einen Pott Kaffee und hautnahes „Speeddating in Zeitgeschichte“ freuen – einfach hinsetzen, Fragen stellen, zuhören, weitergehen…“

Als Zeitzeug*innen gewannen wir die ehemalige Friseurin Elke Magdeburger, die ehemalige Lehrerin Siegrun Pilz, den gelernten Elektriker Ulrich Magdeburg, der später in der Materialwirtschaft einer LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) arbeitete und Werner Mohr, der als gelernter Schlosser zu DDR-Zeiten eine Abteilung der Zellstoffwerke leitete. Sie alle beantworteten und erzählten – bei Kaffee und Kuchen – über drei Stunden von ihren Erfahrungen und Erlebnissen.

„…erst im Nachhinein ist uns aufgegangen, wie mutig wir waren…“
(Zeitzeugin Elke Magdeburg über die Teilnahme an den Montagsdemonstrationen 1989 in Osterburg)

Nach einer kurzen Begrüßung und Vorstellungsrunde der Zeitzeug*innen durch Rebecca Plassa (Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt) begannen rund um die Tische sofort angeregte Gespräche zwischen den langjährigen Dorfbewohner*innen und den Gästen, die zum Teil aus den umliegenden Dörfern kamen oder als Tourist*innen auf dem Deich vorbeifuhren oder liefen und spontan in die Gesprächsrunden einstiegen. „Das ist so eine interessante Veranstaltung“ schwärmte eine Touristin aus Lübeck, die sich mit Elke Magdeburger intensiv über das Erlebnis des Mauerfalls austauschte und nachfragte, wie die Menschen vor Ort beispielsweise von den Montagsdemonstrationen erfahren hätten. „Hier kam alles etwas später an“, berichtet Elke Magdeburg und fügt hinzu „wir sind dann 1989 immer zu den Montagsdemonstrationen in Osterburg gefahren, erst im Nachhinein ist uns aufgegangen, wie mutig wir waren, es hätte ja sonst was passieren können.“

Aber auch die Grenznähe und die Frage von Fluchterleben prägten die Gespräche. Obwohl sehr grenznah, lag Wahrenberg noch nicht im sogenannten „Sperrgebiet“, das nur mit Ausweisen und Genehmigungen betreten werden durfte, Besuch musste 4 Wochen vorher angemeldet werden. „Aber auch hier im Ort wurde jede fremde Person misstrauisch betrachtet und an unseren ‚Sheriff‘ gemeldet“, erzählt Elke Magdeburg.

„Es wäre schön, wenn es so etwas öfter gäbe…“

Norbert Krebber vom VITOS e.V. des Elbehofs organisierte für diese Veranstaltung  der Heinrich-Böll-Stiftung die Zeitzeug*innen und zieht für sich das folgende Fazit:

“Als Wessi  lebe ich jetzt 22 Jahre hier in Wahrenberg und versuchte die Menschen vor Ort zu verstehen und das schwierige Miteinander nachzuvollziehen. Durch all die Vorgespräche und das engagierte und emotionale Geschichtskaffee selber wurde mir klar, warum dieses Unterfangen so schwierig war und weiter kompliziert sein wird. Dennoch machte sich ein Gefühl der Befreiung breit, dass diese Geschichten eine Plattform bekamen und nicht in Vergessenheit geraten. Ich bin bewegt,  diesen  Dorfdialog weiter zu unterstützen und Wege dazu zu finden.“

„Es wäre schön, wenn es so etwas öfter gäbe“, war die abschließende Bemerkung vieler Dorfbewohner*innen aber auch Zugezogener. Vielleicht ist ja der Elbehof mit dem Umweltbildner Norbert Krebber, der diese Kooperation so engagiert begleitet hat, genau der richtige Ort dafür.

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