Sotschi 2014 oder Putins Spiele

Vier Fragen an….

Imke Duplitzer

Am Freitag, dem 8. Februar 2014 beginnen in Sotschi, einem subtropischen Ort am schwarzen Meer, die XXII. Olympischen Winterspiele. Die Kritik am Ausrichterland Russland und der Vergabepraxis des Internationalen Olympischen Komittees (IOC) wird immer lauter. Einerseits werden massive Menschenrechtsverletzungen, die bereits im Vorfeld der Olympischen Spiele sichtbar und bekannt waren, kritisiert, andererseits gibt es internationale Proteste aufgrund des Gigantismus, der Umweltzerstörung und Ausbeutung von ArbeiterInnen im Zuge der Ausrichtung von ‚Putins Spielen‘.

Wir sprachen zum Auftakt der Spiele mit der Fecht-Weltmeisterin und Menschenrechtsaktivistin Imke Duplitzer über ihre Kritikpunkte, das Verhältnis von Sport und Politik und die Chancen, dass sich bei der Vergabepraxis des IOC zukünftig etwas ändert.

1) Du kritisierst die Vergabe der Spiele nach Sotschi seit einiger Zeit öffentlich und forderst PolitikerInnen auf, den Spielen fernzubleiben. Was sind Deine Hauptkritikpunkte? 

Imke Duplitzer: „Die mit den Spielen verbundenen Baumaßnahmen sind in der Art der Durchführung eine ökologisch Katastrophe für die Region um Sotschi und das Mountain Village in Krasnaja Poljana. Außerdem ist die Debatte um die unpolitischen Spiele sehr verlogen. Der Sport versteckt sich immer wenn es um Verantwortung geht hinter der Autonomie des Sports. Sport ist nicht autonom! 
Die Spiele sind die dritt-teuerste Marke hinter Googel und Apple. Es ist ein gigantischer Wirtschaftszweig, der davon lebt, dass er für Völkerverständigung, friedliches Miteinander und großartigen sportlichen Leistungen steht. Zur Vermarktung gehören aber auch in ganz besonderer Weise die Bilder von SpitzenpolitikerInnen, die bei Ereignissen wie der Eröffnungsfeier zu gegen sind und quasi „gratis“ mit ihrer Anwesenheit, und ihrer Funktion in den jeweiligen Nationalstaaten, die Veranstaltung politisch aufwerten. Der Herr der Ringe, Dr. Bach, hat nicht umsonst durch seine Schelte an Politikern, die nicht nach Sotschi fahren gezeigt, wie wichtig es für den Sport ist, die Politik als Werbeträger zu instrumentalisieren.“

2) Ist die Olympische Idee mit ‚Putins Spielen‘ endgültig gestorben?

Imke Duplitzer: „Ich glaube ja, dass die olympische Idee sowieso nur in jedem einzelnen Sportler leben kann. Wenn die Idee in Form der Träume der Sportler stirbt, dann ist sie wirklich gestorben. Aber es gibt zum Glück immer noch genug Sportler, die für den Moment und ihren Sport leben und nicht nur für den Sponsorvertrag oder das Schaulaufen.
Aber Fakt ist, dass sich das IOC angesichts der Ablehnung der Bevölkerung von Bewerbungen von Stockholm, München, Wien und Graubünden überlegen muss, in welche Richtung die Zukunft der Ringe gehen wird. Erste Mitglieder des IOC sprechen bereits davon, dass die olympische Idee droht, sich selber aufzufressen.“

3) Seit Juni letzten Jahres gibt es das umstrittene Anti-Homosexuellen-Gesetz in Rußland, an dass sich auch alle SportlerInnen halten müssen. Wie wird das unter AthletInnen diskutiert? 

Imke Duplitzer: „Es gibt einige Sportlerinnen und Sportler, die sich schon ihre Gedanken dazu machen. Oft wird es aber verdrängt, denn der Druck, der auf den SportlerInnen lastet ist auch ohne die Probleme des Ausrichterlandes groß. Viele der Sportlerinnen und Sportler haben ohnehin ein Gefühl der Ohnmacht, denn sie schaffen es ja sehr oft nicht einmal die Probleme im eigenen Verband zu beeinflussen – wie sollen sie es denn dann noch bei einem Ausrichter oder dem IOC.“

4) Nach welchen Kriterien müsste Deiner Meinung nach die Vergabe von solchen milliardenschweren Sportevents laufen, das heißt, was müsste sich konkret ändern? 

Imke Duplitzer: „Zunächst muss das IOC sich mal seine eigene Charta anschauen. Daraus ergeben sich schon Kriterien, die bei der Vergabe berücksichtigt werden müssen. Artikel 6 besagt, dass die olympische Bewegung niemanden diskriminieren darf, auf Grund von Geschlecht, Rasse, Religion, politischer Einstellung oder anderer Gründe. Daraus ergibt sich schon mal eine Verpflichtung, gegenüber dem Ausrichterland von Spielen klar Stellung zu beziehen, wenn diese Regel verletzt wird. In Russland trifft dies z.B. auf die politische Opposition oder eben homosexuelle Menschen zu.
Dann gibt es noch diverse andere Dinge, die Teil des Produktes Olympische Spiele sind. Fair Play wendet sich auch ganz klar gegen Betrug und Doping im Sport. Da muss das IOC an den eigenen Standards gewaltig nachbessern.
Außerdem hat das Image des IOC in den letzten Jahren durch Korruption, Intransparenz und fragwürdige Strukturen im Inneren so massiv gelitten, dass demokratisch organisierte Staaten durch ihre Bevölkerung die Ausrichtung solcher Ereignisse  ablehnen. Das ist eine Ohrfeige für die IOC Mitglieder und ihr Geschäftsgebaren. Aber vielleicht reicht es ja dem IOC mit Staaten zusammen zu arbeiten, in denen Mitsprache, Umweltschutz und Rechtssicherheit durch Geld, Intransparenz und Willkür kompensiert werden. Das Streben nach immer größeren wirtschaftlichen Gewinnen des IOC lässt zumindest diese Vermutung zu.“


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