Inklusive Schule in Sachsen-Anhalt



Fotos: André Kehrer


„Mut zum Unperfekten“

Fachtag: ‚Inklusive Schule in Sachsen-Anhalt – Vom Konzept zur Praxis‘

Die UN-Behindertenrechtskonvention hat im Jahr 2006 deutlich gemacht, dass Inklusion – also die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit kognitiven und körperlichen Einschränkungen in unserer Gesellschaft – ein Menschenrecht ist. Mit der Ratifizierung der UN-Konvention durch die Bundesrepublik im Jahr 2009 ging dementsprechend die Forderung einher, das deutsche Schulsystem hin zu einem inklusiven Schulsystem umzubauen.

Die Heinrich-Böll-Stiftung und ihre 16 Landesstiftungen haben diese Konvention als Anstoß genommen, um im Rahmen ihres zweijährigen Verbundprojektes ‚HochInklusiv. Zusammenhalt in einer vielfältigen Gesellschaft‘ noch einmal neu über Mechanismen, Akteure und Barrieren der Inklusion nachzudenken. Wir gehen davon aus, dass es jedem Menschen möglich sein sollte, in vollem Umfang am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und dass es für eine Realisierung dieses gesellschaftlichen Ziels, das an soziale Gerechtigkeit und politische Teilhabe zurückgebunden ist, inklusive Politiken braucht, die auf unterschiedlichen Ebenen wirken.

Der Fachtag ‚Inklusive Schule in Sachsen-Anhalt – Vom Konzept zur Praxis‘, veranstaltet am 19.11. 2013 von der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt und von der Philosophischen Fakultät II – Erziehungswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, bildete den diesjährigen Höhepunkt der Beschäftigung mit diesem Thema in unserem Bundesland. Ausgangspunkt des Fachtags war, dass Sachsen-Anhalt sich in Sachen Inklusion bereits auf den Weg gemacht hat, aber nach wie vor im Bereich der praktischen Umsetzung vor Ort viele Herausforderungen und Unsicherheiten bestehen.

Alle Potentiale entfalten

„Inklusive Politik im Bereich der Schule und Bildung bedeutet, dass Lehr- und Lernbedingungen geschaffen werden müssen, die es allen Kindern und Jugendlichen erlauben, ihre Potentiale voll auszuschöpfen – dem Kind mit Behinderung ebenso wie dem Kind mit Migrationshintergrund und Hochbegabung, dem Kind aus einer armen Familie oder einem Kind, das keines dieser Merkmale aufweist“, machte die Geschäftsführerin der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt, Rebecca Plassa, in ihrer Begrüßung deutlich.

Über 140 TeilnehmerInnen, größtenteils MultiplikatorInnen aus Schulen, bildungsnahen Einrichtungen und Verbänden, hatten sich eingefunden, um über die Herausforderungen des Umbaus hin zu einem inklusiven Schulsystem in Sachsen-Anhalt zu diskutieren. Der Schuldirektor Norbert Beckert, dessen Grundschule an der Trießnitz in Jena mit dem Jakob-Muth Inklusionspreis 2012/2013 ausgezeichnet wurde, machte zu Beginn des Fachtags in seiner Rede deutlich, dass zu den grundlegenden Gelingensbedingungen für Inklusion die Wertschätzung dieses Prozesses gehört. „Inklusion ist nicht das, was man vor Dienstbeginn noch einmal nachliest, sondern Inklusion ist eine Haltung“, konstatierte Beckert daher auch in seinem Input-Vortrag.

Diese zentrale Voraussetzung für gelungene Inklusion betonten auch die Podiumsgäste Angelika Krause (Schulleiterin inklusive Kleersgrundschule, Quedlingburg),iven Schulsystems in Sachsen-Anhalt anhand ihrer Praxiserfahrungen thematisierten. Sie identifizierten drei Problembereiche:

1) Die mangelnde sächliche und personelle Ausstattung der Schulen, die aktuell auch noch durch das Auslaufen der Stellen der pädagogischen MitarbeiterInnen, noch weiter verschlechtert wird.

2) Der zunehmende Bedarf an jungen, gutausgebildeten Pädagogen, die mit viel Rüstzeug und einer Ausbildung in inklusiver Pädagogik an die Schulen kommen und das LehrerInnenteam mit neuem Schwung und Ideen unterstützen.

3) Die fehlende Verzahnung der einzelnen Schultypen bis hin zur Berufsausbildung, die die jeweiligen Bildungsübergänge reibungslos gestalten.

Inklusion ist keine Sparpolitik

Dabei wurde auch klar benannt, dass sich die Sparpolitik des Landes beispielsweise im Hinblick auf die Referendariatsstellen und die Ausstattung der Schulen, nicht mit dem gesellschaftlichen Ziel der Inklusion vertragen, sondern vielmehr in einem Spannungsverhältnis stehen.

„Statt immer ‚Individualisierung!‘ & ‚Fördern und Fordern!‘ zu betonen, ist wichtig, dass wir uns an den Schulen einerseits mehr Zeit für die Beziehung zu den Kindern nehmen und andererseits eine gute Gruppenstruktur schaffen. Vieles kann man dann auch der gestalterischen Kraft der Gruppe überlassen – wir brauchen den Mut zum Unperfekten“, ergänzte Ines Boban (Philosophische Fakultät III – Erziehungwissenschaften) Stimmen des Podiums, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Dr. Elisabeth Plate in einer der Arbeitsgruppen den Index für Inklusion vorgestellt hatte. In ihm wird die Grundthese vertreten, dass die Willkommenheißens-Potentiale bislang oft ungenutzt bleiben.

Diese Perspektive vertrat auch Prof. Dr. Saskia Schuppener (Universität Leipzig), die betonte, dass es für die jetzigen LehrerInnen darauf ankomme, sich selbst im Bereich der inklusiven Schule weiterzubilden und vor allem Erfahrungen untereinander auszutauschen. „Vernetzt Euch und reflektiert Eure Praxis“, so das Plädoyer der Leipziger Professorin. Sie wies im Besonderen darauf hin, dass die derzeitige LehrerInnenausbildung bisher den wirklichen Bedarfen der inklusiven Schulen hinterherhinke. Erste Angebote sind zwar vorhanden, so gibt es in Halle seit diesem Semester ein Pflichtmodul für alle Lehramtsstudierenden vom Zentrum für Lehrerbildung, das Rahel Szalai und David Jahr entwickeln und gestalten zur inklusiven Pädagogik – für eine Schule, die Heterogenität als Chance sieht und schülergerecht agiert, diese reichen aber bei weitem nicht aus.

Eine Lösungsmöglichkeit für diese Herausforderung im Bereich der Professionalisierung der LehrerInnen bot die bildungspolitische Sprecherin der bündnisgrünen Fraktion, Prof. Dr. Claudia Dalbert in ihren abschließenden bildungspolitischen Überlegungen an. „Möglicherweise muss man die LehrerInnenausbildung in ganz neue Richtungen denken“, so die Professorin für Psychologie. „Warum kein System etablieren, in dem LehrerInnen an Stelle des zweiten Fachs einen Förderschwerpunkt wählen können? So könnten wir Inklusion in die Breite geben.“


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