„Beschneidung – Ein Dilemma“

Veranstaltungsbericht

Das Urteil des Landgerichts Köln am 7. Mai, wonach die Beschneidung von Jungen eine rechtswidrige Körperverletzung ist, hat in Deutschland eine in Teilen sehr aufgeheizte Debatte vor allem um die religiös motivierte Beschneidung ausgelöst. Unsere mit etwa 80 Zuhörern sehr gut besuchte Veranstaltung im Rahmen der Interkulturellen Woche zeichnete sich im Gegensatz dazu durch eine insgesamt sachliche und respektvolle Diskussion aus. Auf dem Podium diskutierten Prof. Dr. Giuseppe Veltri (Lehrstuhl für Judaistik an der Universität Halle), Prof. Dr. Michael Germann (Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Staatskirchen- und Kirchenrecht an der Universität Halle), Dr. Tarek Ali (stellvertretender Vorsitzender Islamisches Kulturcenter Halle) und Heinz Hilgers (Vorsitzender Deutscher Kinderschutzbund). Geleitet wurde die Diskussion von der Fraktionsvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag, Prof. Dr. Claudia Dalbert.

Eingangs stellte Claudia Dalbert Giuseppe Veltri und Tarek Ali die Frage, warum eigentlich die Beschneidung im Judentum und im Islam so wichtig sei. Veltri führte zunächst grundlegend aus, dass in der aktuell geführten Kindeswohldebatte drei Aspekte zum Tragen kommen; das körperliche Kindswohl, das seelische und das soziale Kindswohl, und dass letzteres in der Debatte häufig eine geringere Rolle spiele, obwohl es gleichfalls wichtig sei. Er merkte an, dass die Beschneidung im Judentum ein wichtiges Merkmal des Judentums sei, aber keine Voraussetzung, um jüdischen Glaubens zu sein, wie etwa die Taufe. Grundsätzlich sei die Beschneidung für Juden ein Zeichen der besonderen Beziehung des jüdischen Volkes zu Gott. Dr. Tarek Ali erklärte, dass auch im Koran die Beschneidung von Jungen nicht vorgeschrieben sei, die Beschneidung eine Tradition ist, die sich aus der ‚Sunna‘ – einer historisch-tradierten, etablierten Verhaltensweise – ergebe. Im islamischen Glauben würde die Beschneidung vor allem aus Reinheits- und Hygienegründen vorgenommen.

Nach der Grundlegung der religiösen Praxis aus muslimischer und jüdischer Sicht, erläuterte Heinz Hilgers die Position des Deutschen Kinderschutzbundes, der für die körperliche Unversehrtheit von Kindern und Jugendlichen eintritt. Heinz Hilgers legte Wert darauf, dass der Deutsche Kinderschutzbund sich nicht für ein strafrechtliches Verbot von Beschneidungen bei Jungen einsetze, aber sehr wohl genau nach den Bedingungen schaue, unter denen die Beschneidungen vorgenommen würden. Hier müsse klar sein, so der Vorsitzende des Kinderschutzbundes, dass die Beschneidungen unter ärztlicher Aufsicht und unter Berücksichtigung des Kindswohls auch unter Betäubung durchgeführt werden müssten. Grundsätzlich erklärte er jedoch, dass er bei den Eltern dafür werbe, diese religiöse Praxis aufzugeben. Er habe jedoch Verständnis dafür, dass es sich um ein zentrales Ritual des religiösen Lebens handele. Deshalb sei ihm wichtig, dass auch der gesellschaftliche Dialog auf Augenhöhe und mit Respekt geschehe und es nicht um eine generelle Verurteilung oder Diffamierung der Eltern gehe, wie es teilweise in der aufgeheizten Debatte zu diesem Thema geschehen ist. „Die Eltern wissen in den meisten Fällen, was das Beste für ihr Kind ist“, sagte Hilgers.

Aus juristischer Sicht legte Prof. Dr. Michael Germann dar, dass es sich bei der Beschneidungsdebatte um einen Grundrechtekonflikt zwischen dem Recht auf körperlicher Unversehrtheit und freier Entfaltung der Persönlichkeit, der Religionsfreiheit und dem besonderen Schutz der Familien handelt. Er stellte fest, dass es dabei nicht um eine ‚entweder-oder‘ Entscheidung gehen kann, sondern dass es vielmehr darauf ankäme, die Grundrechtspositionen abzuwägen und differenziert zu betrachten. Er machte deutlich, dass das Kölner Urteil, das er als „Fehlurteil“ bezeichnete, auch gesellschaftspolitische Konsequenzen habe. So fragte er danach, in welcher Gesellschaft Menschen jüdischen und muslimischen Glaubens leben würden, wenn Ihnen ein integraler Teil ihrer religiösen Praxis strafrechtlich verboten würde. „Im Grunde“, so der Professor für Öffentliches Recht, Kirchenrecht und Staatskirchenrecht, „geht es doch um die Frage, ob der Staat bei diesem Beschneidungsthema ein Eingriffsrecht in die Familie hat oder nicht.“ Er verneinte diese Frage und machte darauf aufmerksam, dass die Sorgepflichten der Eltern für ihre Kinder auch beinhalteten, ihrem Kind religiöse Erziehung angedeihen zu lassen – mit allen religiösen Praktiken, die damit verbunden wären.

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