Kompromisse sind nicht a priori verlogen

von Matias Mieth

Ob Koalitionspoker, Koalitionsdisziplin oder Antihitlerkoalition: Koalition ist ein stark missbrauchbarer Begriff, so wie viele andere Begriffe es auch sind. Was hat es nicht alles schon für Versuche gegeben, die Kraft des Wortes in verschiedener Form zu verwenden: Immer wieder wird eine „Koalition der Vernunft“ gefordert oder ausgerufen, egal ob es darum geht, alte Besitzstände gegen neue Notwendigkeiten zu verteidigen oder darum, neuen Notwendigkeiten zur Durchsetzung zu verhelfen. Der frühere US-Präsident George W. Bush baute sich für den Irakkrieg eine „Koalition der Willigen“ zu einem der desaströsesten Vorhaben der jüngeren Geschichte. Aber was kann das Wort „Koalition“ dafür? In einer rot-grünen Minderheitenkoalition habe ich in den neunziger Jahren gute Erfahrungen bei der Gestaltung von sozialer und ökologischer Stadtgestaltung gemacht.

Koalition heißt Kompromiss

Insofern hätte ich für den Buchstaben „K“ im Demokratiealphabet eher das Wort Kompromiss gewählt: Kompromisse sind eben nicht a priori verlogen. Denn dass Parteien sowohl nach innen wie auch nach außen die Aufgabe haben, Kompromisse zu definieren und dass darin eine ihrer wichtigsten und insofern uneingeschränkt positiv zu bewertenden Aufgaben liegt, scheint offensichtlich gerade jüngeren Menschen zu wenig bewusst zu sein. Und ich erinnere gern daran, dass es gerade die Unfähigkeit der Parteien in der Weimarer Republik war, solche Kompromisse zu formulieren. Übrigens auch in der Form von Koalitionen, die 1933 zu der zwölfjährigen Katastrophe führte, die unsere Geschichte bis heute in unvergleichlicher Weise prägt.

(2. September 2009)


Matias Mieth studierte Germanistik, Anglistik und Pädagogik in Leipzig, Jena und Berlin und promovierte 1994 über die Dramatik Heiner Müllers in Berlin: „Die Masken den Erinnerns – Zur Ästhetisierung von Geschichte und Vorgeschichte der DDR“. Er war Pressesprecher der Fraktion „Neues Forum – Grüne – Demokratie jetzt“ im Thüringer Landtag in Erfurt und Gründungsvorsitzender des ersten grünennahen Bildungswerkes in Thüringen „Querdenken“. Sechs Jahre lang war er anschließend Dezernent für Soziales und Kultur der Stadt Jena, danach Sozialplaner und Lehrer für Deutsch und Geschichte. Seit 2008 ist Matias Mieth Direktor der Städtischen Museen Jena.

zurück

Posted in Politik.