Aufklärung tut Not

von Joachim Gessinger

Aufklärung ist ein mehrdeutiger Begriff – als Bezeichnung für eine geistes- und kulturgeschichtlich prägende Epoche der europäischen Geschichte verweist ‚Aufklärung‘ auch auf das Ende des Absolutismus und das Entstehen moderner Demokratien. Diese Umwälzung fand zunächst in den Köpfen der Menschen statt, bevor sie Formen annehmen konnte. Der Weg zu parlamentarischen Demokratien war mühsam: Die amerikanische Verfassung von 1787 verhinderte weder die Entmündigung und fast vollständige Vernichtung der ‚Native Indians‘, der Konflikt über die Abschaffung der Sklaverei führte zum Bürgerkrieg. Die Französische Revolution endete zunächst in der imperialen Expansionspolitik Napoleons, die Volksbewegung der Befreiungskriege in Restauration, Verfolgung und Zensur. Der italienische Risorgimento, die Paulskirche von 1848 und die russische Revolution hatten ihren Gegenpart im Faschismus und Stalinismus, die Innenseite des ‚Kalten Krieges‘ waren die Verfolgungen der McCarthy-Ära und die Zerschlagung demokratischer Ansätze in Ostmitteleuropa. Zwar kann die ‚Aufklärung‘ als Wurzel des modernen Staates mit demokratisch verfassten Institutionen gelten, aber diese Institutionen sind nur solange demokratisch, wie sich der Souverän, das Volk, mithin jede(r) Einzelne seiner Verantwortung für das Gemeinwesen bewusst ist und diese Verantwortung auch wahr nimmt, nicht nur bei Wahlen, sondern im täglichen Umgang mit sich selbst und mit anderen Menschen.

Hatte schon die historische Aufklärung im 18. Jahrhundert ihre dunkle Seite – religiöse Intoleranz, Aber- und Wunderglauben, Antisemitismus, Analphabetismus und Unwissenheit – so lässt sich immer wieder beobachten, wie sich in die formalen Strukturen der repräsentativen Demokratie ihre faktische Negation einnistet: Eigennutz, Engstirnigkeit, religiös motivierte oder getarnte Verfolgung von Minderheiten prägen Denken und Handeln europäischer Gesellschaften. Mediokratien à la Berlusconi, der ‚Patriot Act‘ der Bush-Ära, Guantanamo, die Unterstützung völkerrechtswidriger Aktionen der CIA durch zahlreiche Europäische Regierungen sind nur einige Belege dafür, dass Aufklärung mehr sein muss als ein einmaliger historischer Akt der Befreiung von Fremdbestimmung. Der Ruf ‚Aufklärung tut Not‘ aus dem 18. Jahrhundert bleibt aktuell. Wer ‚A‘ wie Aufklärung sagt, muss auch ‚M‘ wie Menschenrechte sagen, wenn Demokratie Wirklichkeit werden und bleiben soll.

(12. Oktober 2009)


Prof. Dr. Joachim Gessinger ist nach Zwischenetappen an den Universitäten Duisburg, Hamburg und Köln seit 1993 Professor für ‚Geschichte der deutschen Sprache‘ an der Universität Potsdam. Er war von 2001 bis 2005 Mitglied des grünen Landesvorstandes, davon zwei Jahre Landesvorsitzender in Brandenburg. Darüber hinaus war er Mitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Wissenschaft, Hochschule und Technologie und an der Konzeption eines Wissenschaftstarifvertrages beteiligt.

Seit Ende letzten Jahres ist er Mitglied im Vorstand der Landesstiftung der Heinrich-Böll-Stiftung. Der Sprachwissenschaftler lebt mit seiner Frau in Werder (Havel) bei Berlin.

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