3 Monate Ramallah: Schuld und Urlaub (6. April)

Die arabische Altstadt von JaffaEine Freundin – eine in Ramallah lebende Deutsche – fragte mich neulich: „Muss ich mich schuldig fühlen, weil es mir hier so gut geht?“ Denn die Leute hier seien so herzlich und hielten zusammen und sie liebe das. Die politischen Gespräche überall, die Dichte an Erlebnissen, das Gefühl mitten drin zu stecken. „Das hat natürlich alles was damit zu tun, dass es den Leuten hier schlecht geht und ich weiß nicht, ob ich auch hier wäre, wenn es ihnen besser ginge… Fühle ich mich also nur so gut, weil es den Leuten hier schlecht geht? Ist das unmoralisch?“

Vor der selben Frage stand ich auch mit anderen Freunden hier. Und was soll ich sagen? Natürlich sind wir alle auch hier wegen der Probleme, aber wir wünschen uns doch nicht, dass es den Menschen schlecht geht, oder? Und die Menschen wissen doch auch, dass ohne die vielen AusländerInnen, ohne ihr Geld und ohne dass jemand hinschaut, die Situation der Menschen hier sicher sehr viel schlechter wäre!

Graffiti am Eingang des Checkpoints in BethlehemEine Freundin, die erst vor kurzem vom anderen Ende der Welt als Jüdin nach Israel eingewandert ist, runzelte neulich die Stirn, als ich ihr von meinen Erlebnissen in Hebron, an den Checkpoints etc. erzählte. „Andere Leute können nichts dafür, wenn ihr Staat so etwas tut; sie sind in dem Land geboren, und haben sich das nicht ausgesucht. Ich hab mir das aber ausgesucht.. Kein Mensch hat mich gezwungen, Israeli zu werden. Das war halt so eine fixe Idee von mir. Und jetzt merke ich erst, was hier noch so alles passiert und frag ich mich, ob ich mich dafür schuldig fühlen muss… Bin ich denn so naiv gewesen?“ Ich finde, es müsste mehr Israelis wie sie geben!

Strand von Tel-AvivBei anderen Leute hat man immer guten Rat. Als ich letzte Woche aber in Tel Aviv Urlaub machte, am Strand lag, mir das Essen schmecken ließ und an Schaufenstern entlangbummelte, da fragte ich mich, ob ich mich schuldig fühlen müsse: Ich wohne und arbeite in Palästina, und wenn ich mal ein paar Tage frei habe, fahre ich nicht etwa nach Nablus oder Tulkarem, sondern nach Israel. Ich genieße das europäische Flair und vergesse fast, dass hier doch auch vor 60 Jahren noch Palästina war, hier die Häuser der Großeltern meiner Freunde in Ramallah stehen… Muss ich mich schuldig fühlen, wenn ich in Palästina zum arbeiten bin, mir das alltägliche Unrecht anschaue, dass den Leuten dort passiert, und dann aber bei der erstbesten Gelegenheit losziehe die ganzen schönen Seiten Israels zu genießen? Wenn ich dort in der hübschen arabischen Altstadt Jaffas wohne und es mir gut gehen lasse, wo dort kaum noch PalästinenserInnen wohnen, und die auch noch diskriminiert werden?

Die Mauer bei BethlehemIch weiß es nicht. Ich freue mich, das Meer mal von nahem zu sehen.Ich freue mich, auch Israel zu erleben, das trotz unzähliger Menschen- und Völkerrechtsverletzungen ja ein schönes Land ist, das ich sehen und erleben möchte und dessen Menschen ja nicht per se böse sind. Ich finde es wichtig, mir immer wieder auch die andere Seite klar zu machen. Und doch ist es ein komisches Gefühl, nach einer Woche Tel Aviv in meine WG in Ramallah zurückzukehren und meinen palästinensischen Mitbewohnern von dem schönen Strand zu erzählen, den sie nichtmal besuchen können.

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Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.

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