3 Monate Ramallah: Ostern im heiligen Land (12. April)

Es war beeindruckend, Ostern wirklich an den Orten zu sein, wo all das damals wohl passiert ist. Das hat mir nocheinmal einen ganz neuen Blick auf Jerusalem und Palästina als ganzes eröffnet.

Gründonnerstag war ich spontan bei einem Internationalen Gottesdienst in der deutschen evangelischen Erlöserkirche in der Altstadt, nicht weit von der Grabeskirche. Evangelische Pfarrer aus Deutschland, Palästina, Dänemark, Großbritannien, Schweden, Norwegen und Finnland feierten den Gottesdienst gemeinsam, abwechselnd in den verschiedenen Sprachen. Dann gab es eine gemeinsame Prozession zum Garten Gethsemane, in dem Jesus verraten und verhaftet wurde.

Prozessionen sind mir als Protestanten ja sowieso nicht gerade vertraut, aber diese habe ich besonders gemischt empfunden: Der Weg von der Kirche die Via Dolorosa herunter aus der Altstadt heraus wirkte völlig skuril, denn der Leidensweg Jesu ist (wie damals vielleicht auch schon) ein lebendiger Basar, auf dem heute vor allem Jesus-Souveniers feil geboten werden… Die Händler hatten selbstverständlich auch keine Hemmungen den bitterensten ProzessionsteilnehmerInnen „good price“ für alles mögliche anzubieten.

Der letzte Abschnitt, der Weg in den Garten Gethsemane hinein war aber schön, begleitet von den Gesängen arabischer Protestanten.

Karfreitag und Ostermontag musste ich Arbeiten: Hier feierte fast niemand Ostern, denn die Leute sind überwiegend orthodoxe Christen und bei denen ist Ostern erst eine Woche später. Da fühlte ich mich mit diesem Feiertag wirklich als Minderheit, den ich und „meinesgleichen“ her begehen, von dem sonst aber niemand etwas mitbekommt.

Ähnlich war es am Ostersonntag, wo sich die deutschen Protestanten aus der Region morgens halb sechs auf dem Ölberg versammelten, zu Osterfrühgottesdienst im Garten des evangelischen Augusta-Victoria-Spitals (gegründet von Kaiser Wilhelm II und benannt nach seiner Frau). Noch im Dunkeln standen wir dort im Garten, mit Blick über halb Jerusalem und die halbe Westbank, mit all ihren israelischen Siedlungen, auf Berge, auf Jericho, auf das Tote Meer, das majestätisch im Tal lag, und auf die Berge Jordaniens dahinter und die Moscheen auf deren Gipfeln.

Als es dämmerte fingen überall die Vögel an zu singen. Dann sagte der mir aus unserer früheren Zeit in Berlin wohl vertraute Pfarrer: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ Und als wäre es inszeniert, ging genau in dem Moment die Sonne über den jordanischen Bergen als großer roter Ball auf und die Glocken der Kirchen begannen in ganz Jerusalem zu läuten. Unglaublich! In einem Film wäre das superkitschig gewesen, aber da war es echt, und alle hielten den Atem an.

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Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.

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