3 Monate Ramallah: Klage und Freude (15. April)

Mein schwedischer Mitbewohner war heute in Jerusalem. Abends erzählte mir, er sei auch an der Klagemauer gewesen, habe davor gestanden, sie berührt und überlegt, einen Zettel mit einer Klage in die Mauerspalte zu schieben, so wie die Juden es tun. Lange stand er davor und überlegte.

Doch es ging ihm gut und er hatte gar nichts zu beklagen. Da ist er etwas betrübt wieder gegangen.

So saßen wir Abends in der WG zusammen und erzählten. Da plötzlich kamen Schüsse von draußen. Innerhalb weniger Minuten waren überall automatische Gewehre zu hören. Polizeisirenen heulten, dann Hupen und quietschende Bremsen. Immer wieder Gewehrsalven.

Wir bekamen Angst, schauten im Internet was passiert sei, und riefen Freunde an, die bescheid wussten: An der Birzeit Uni neben Ramallah hatte es Wahlen zum Studierendenrat gegeben. Seit Tagen waren mir in der Stadt Autos mit Fatah-Fahnen aufgefallen. Nun hatte die Fatah tatsächlich die Wahl gewonnen: Fatah 24 Sitze, Hamas 22, Kommunisten wohl 5 und dann noch ein paar Splittergruppen.

An unserem Haus fahren nun dauernd Autos voller Studenten mit Fatah-Fahnen vorbei. Würden die nicht überall mit ihren Kalashnikows vor Freude in die Luft schießen, wäre es eine Stimmung wie in Deutschland bei der Fußball-Weltmeisterschaft. So erinnert es eher an amerikanische Actionfilme…

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Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.

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