3 Monate Ramallah: Hip Hop im Flüchtlingslager (9. April)

Gestern war ich beim Konzert einer französischen Hiphop-Gruppe im al-Amari Flüchtlingslager hier in Ramallah/Bireh. Das Lager ist mitten im Stadtgebiet und nur durch die extrem enge Bebauung zu erkennen: Das Gelände verwaltet die UN seit 1948, als die damals aus ihren Häusern im heutigen Israel vertriebenen oder geflohenen PalästinenserInnen hier Zuflucht fanden. Sie haben sich reichlich vermehrt, die Fläche auf der sie leben ist aber nicht größer geworden.

Ich schlängele mich also durch die unheimlich engen Gassen zwischen den Häusern hindurch, denen man ansieht, dass jede Generation eine neue Etage oben aufsetzt, um einen Platz zum Wohnen zu haben. Dann komme ich ans Kulturzentrum. Ein Schild verrät, dass die EU es hat bauen lassen. Unten wird Fußball gespielt, von oben kommen aufgeregte Geräusche aus dem Kinosaal: Das Konzert fängt gleich an, und etliche AusländerInnen sind da. Im Lager kein alltäglicher Anblick.

Jugendliche, Erwachsene und Kinder sitzen durcheinander auf den Bänken. Dann kommt der Sänger und die drei anderen Musiker der französischen Hiphip-Gruppe auf die Bühne. Er greift sich das Mikrophon, die anderen Trommel, Geige und Kontrabass. Kritische, skeptische, aber neugierige Blicke aus dem Publikum. Erst langsam wird es ruhig… Die Musik setzt ein, und der Sänger ruft im Takt immer wieder “Ahlan wa sahlan fi filastin!” – ‘Wilkommen in Palästina’… auf arabisch! Die Leute klatschen begeistert, er spricht ihre Sprache!

Das nächste Lied ist auf französisch, aber wieder mit arabischem Refrain: “al-hurriye w-al-‘adala fi filastin” – Freiheit und Gerechtigkeit für Palästina. Die Menge tobt, er spricht ihnen aus dem Herzen!

Weitere Lieder heizen die Stimmung auf und die Leute tanzen und stampfen sich zu den Rhythmen die Wut aus den Beinen. Dann werden alle nach vorn gebeten, um einen Reim mitzusingen, der wie ein Kinderlied wirkt: Er beschwört den Fall der Mauer. Und die Jugendlichen singen, brüllen und klatschen, ihre Gesichter voller Freude, Schmerz und Hoffnung. Sie singen sich frei von ihrer Wut und irgendwie auch von dem Gefängnis um sie herum. Wenigstens für den Moment.

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Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.

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