3 Monate Ramallah: Angst (3. April)

Im Urlaub in Tel Aviv habe ich immer wieder erstaunt feststellen müssen, was für eine unglaubliche Angst die meisten Israelis vor den PalästinenserInnen haben: Wenn ich erwähne, dass ich in Ramallah lebe, sind sie völlig fassungslos. Sie fragen, wie das denn ginge, ob man auf der Straße nicht sofort erschossen würde, ob ich unter Hochsicherheitsschutz in einem speziellen Bereich für AusländerInnen leben würde etc. Ihr Bild entspricht dem Afghanistans unter den Taliban, nur noch viel schlimmer: Ein verwahrloster Streifen Land voller mordlüsterner TerroristInnen, die vor allem keine Gelegenheit auslassen würden, einen Juden zu töten…

Wachturm an einer für PalästinenserInnen unzugänglichen Straße in der West Bank Entsprechend düster ist auch ihre innenpolitisches Einstellung: In dem Glauben von allen Seiten vom Teufel persönlich umzingelt zu sein, sehen sie sich selbst ganz persönlich im alltäglichen Leben aufs schärfste bedroht: „Wenn wir unsere Kinder morgens zur Schule bringen, wissen wir nie, ob wir sie abends wieder sehen,“ sagte mir eine junge Israelin neulich. Überall und immer lauere die Gefahr von Anschlägen, niemand sei je irgendwo sicher.

Ich will hier keineswegs kleinreden, dass die Anschläge während der Zweiten Intifada wirklich grausam waren und den Leuten zu recht entschieden Angst gemacht und einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Ebenso wie es in Palästina einen Eindruck hinterlassen hat, dass dort in der Zeit praktisch täglich zig Menschen von der israelischen Armee erschossen wurden. Auch die Angst vor Raketen aus Gaza oder Libanon, oder die Angst vor dem Iran kann ich verstehen, aber nicht in diesem Ausmaß! Denn selbst zu Hochzeiten des Terrors war die Wahrscheinlichkeit durch einen Terroranschlag zu sterben viel geringer, als im Straßenverkehr zu Tode zu kommen. Und die Situation ist jetzt, ein paar Jahre später, nicht so viel anders als in Deutschland, wo wir auch Anschlagsversuche hatten. Die Raketen aus Gaza sind Schrecklich, aber sind für die Menschen in weitesten Teil des Landes aber ebenso theoretisch wie ein Anschlag in New York: Großes Betroffenheitsgefühl, kaum tatsächliches Betroffensein. Kurz, Israel ist nicht der Irak.

Bombenentschärfungsteam der Polizei untersucht eine Herrenlose Tasche in Jerusalem Aber die Leute glauben ganz ernsthaft, dass die Rakete jeden Moment auf ihrem Kopf landen könne, sind panisch, weil sie das Gefühl haben, das Leben könne jeden Moment vorbei sein. Die Israelischen Zeitungen fördern das durch ihre Berichterstattung, in der jede Kritik an Israel als antisemitisch und jede Straftat gegen Israelis als Terroranschlag beschrieben werden. Täglich werden sie so an ihre gefühlte Verwundbarkeit erinnert. Die Menschen halten daher an jedem Strohhalm fest, der Sicherheit verspricht.

Entsprechend sind die israelischen Wahlergebnisse, bei denen nur die Frage ist, ob die Rechte, die Extrem-Rechte, oder die Ultra-Rechte Partei den entscheidenden Einfluss erlangt. So wird jede Maßnahme, die mit „Security“ begründet wird, sofort akzeptiert, ohne dass man genauer hinsieht: Die Mauer, die ganze Besatzung, der Krieg in Gaza, all das wird gern hingenommen, wenn es doch bloß Sicherheit bringe… Dass Israel eine der größten und modernsten Armeen der Welt hält, ist dabei völlig irrelevant.

Das alles finde ich extrem frustrierend und traurig, denn mit jeder dieser Maßnahmen wird das Leben in Palästina schwerer, sterben Menschen in Palästina, weil ihnen Bomben auf den Kopf fallen, weil Waren nicht zu ihnen gelassen werden, weil keine Genehmigungen für den Bau von Brunnen, Wasserleitungen etc. erteilt werden, weil sie durch den Checkpoint nicht rechtzeitig ins Krankenhaus kommen, weil sie wegen den Beschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen können und Mühe haben ihre Familien zu versorgen etc. Diese Tode sind real und steigern überdies Wut und Verzweiflung.

Militär im Alltag: Wehrdienstleistende in Zivil besuchen die Klagemauer Aber bei der Angst, die ich bei Israelis erlebe, ist keine Hoffnung in Sicht, dass sich irgend etwas davon in nächster Zeit ändern könnte, dass die Besatzung an irgendeinem Punkt gelockert wird und ein palästinensischer Staat jemals in Freiheit entlassen würde. Denn keine(r) will das Risiko eingehen, dann vielleicht von der Hamas aus der Westbank mit Raketen beschossen zu werden und nichts mehr unter Kontrolle zu haben. Bei dem Bild, das die Menschen von Ramallah etc. haben ist es für sie völlig inakzeptabel, einen palästinensischen Staat zu gründen. Solange diese Angst da ist, wird das nicht passieren.

Was ist die Alternative? Definitiv nicht die Integration der PalästinenserInnen in die israelische Gesellschaft, denn damit würden die Palästinenser bald die Mehrheit in Israel stellen, und die Idee des „jüdischen Staates“ wäre passé.
Die einzige Alternative, die dann noch bleibt, ist eine fortgesetzte Besatzung, ein „die PalästinenserInnen unter Kontrolle halten“. In Anbetracht der demographischen Entwicklung, wird damit bald eine Minderheit über eine entrechtete Mehrheit herrschen, die dicht gedrängt und ohne wirkliche eigene Lebensgrundlage in von allen Seiten ummauerten und nicht miteinander verbundenen Städten leben. Das ist es dann, was bleibt. Und leider sind wir nicht mehr besonders weit davon entfernt…

Doch das kann keine gute Perspektive sein, nicht für Israels Sicherheit, und erst recht nicht für die der PalästinenserInnen. Mir macht das Angst.

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Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.

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