3 Monate Ramallah: Kritik an Israel? (19. März)

Als ich neulich einem in Israel lebenden deutschen Bekannten erzählte, wie wir mit unserer Besuchergruppe in Hebron von SiedlerInnen mit Steinen beworfen wurden, und wie schrecklich die Situation da war, sagte er: Das ist ja alles ganz richtig und fürchterlich, aber das sollten wir unseren Gästen hier nicht zeigen, da bekommen die ja so ein schlechtes Bild von Israel.

Checkpoint vor dem Eingang der Moschee in Hebron

Checkpoint vor dem Eingang der Moschee in Hebron

Da war ich sprachlos, und als ich meinte, dass es doch grade wichtig sei, auch diese Dinge den Leuten zu zeigen, sage er: „Also lass mich das so ausdrücken: Ich finde es ganz wichtig, dass wir mit unseren Gästen nach Yad Vashem gehen.“
Da war ich fassungslos. Was soll das denn heißen?! Als wenn es mir nicht auch unglaublich wichtig wäre die Holocaust-Gedenkstätte zu besuchen! Was hat das denn damit zu tun?? Warum soll ich denn bei einem haarsträubenden Unrecht weggucken, weil es einmal ein noch schlimmeres gab?!? Ich verharmlose doch nun wirklich nicht den Holocaust, wenn ich den Leuten zeige, was seit Jahrzehnte in der Westbank passiert, dass Israel hier an so vielen Stellen Völker- und Menschenrecht mit Füßen tritt. Das ist für die Leute in Hebron keine theoretische Frage, sondern alltäglich lebensbedrohliche Realität! Da kann ich doch nicht einfach weggucken!

SiedlerInnen unter Militärschutz in einer für PalästinenserInnen gesperrten Straße

SiedlerInnen unter Militärschutz

Auch aus Sorge um Israel muss man da hingucken, denn die jetzige Politik macht aus Israel keinen sichereren und demokratischeren Staat. Hier passiert so viel schreckliches und das müssen die Leute wissen, denn sonst wird sich nie ändern! (wonach es im Moment ja leider aussieht.) Für die PalästinenserInnen UND für Israel!

Diese Haltung „besser weggucken als ein negatives Israelbild zu bekommen“ habe ich hier bei vielen Deutschen, die auf Besuch hier herkommen gesehen. Für sie ist es immer ersteinmal extrem befremdlich, dass wir hier auch ganz offensiv über alltägliche gravierende Menschenrechtsverletzungen durch die israelische Armee sprechen. Eine so offene Kritik an Israel ist in Deutschland (und aus guten Gründen) unüblich. Hier ist sie aber unbedingt nötig!

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Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.

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