3 Monate Ramallah: Wut hinter Gittern (18. März)

Auf der Fahrt von Ramallah nach Jerusalem hält der Bus kurz vor dem Checkpoint. Der Fahrer öffnet die Tür und etwas mehr als die Hälfte der Fahrgäste steigt aus. Wer sitzen bleibt ist AusländerIn oder über 50. Ein Soldat oder eine Soldatin steigt ein, kontrolliert die Pässe. Bei schlechter Laune wird jeder Pass gründlich kontrolliert und fragen gestellt, meistens genügt aber ein kurzer Blick von der Tür und es geht weiter. Der Bus hält auf der anderen Seite, lässt PalästinenserInnen, die die Kontrollen zu Fuß passieren mussten einsteigen (meist sind das nicht die selben, die eben ausgestiegen sind), dann geht es weiter nach Jerusalem.

So war das bis letzte Woche.

Checkpoint vor JerusalemSeit dem Wochenende müssen alle aussteigen und den Checkpoint zu Fuß überqueren, das habe ich heute zum ersten mal miterlebt: Wir sind alle ausgestiegen und haben uns zwischen wartenden Autos und den kreuz und quer aufgestellten Betonsperren einen Weg zum Terminal gebahnt: Eine nach zwei Seiten offene Halle aus Wellblech. Eine Seite wird von einem käfigartigen Gitter begrenzt, oben Stacheldraht, unten die Öffnung in einen von beiden Seiten und von oben vergitterten Gang, der gerade groß genug ist, dass ein stehender Mensch hindurchgehen kann. Darin und davor eine große Traube von Menschen, wartend. Als sich die Gitterdrehtür am anderen Ende des Ganges zu drehen beginnt, drängen die rund 100 Leute auf den schmalen Eingang zu in den vergitterten Gang hinein. Alte und Kinder schieben sich mühsam durch die Masse. Da schreit eine Stimme etwas auf Hebräisch aus den Lautsprechern und die Tür ist wieder blockiert. Ich stehe nun mitten in dem Gang, eine Überwachungskamera hängt direkt vor meinem Gesicht, eingeengt warte ich: Nach links und rechts habe ich etwa einen Zentimeter von meinen Schultern zum Gitter, nach oben ist eine knappe Handbreit Platz. Vor mir eine alte Frau mit ihren Enkeln, die mit großen Augen durch die Metallstäbe schauen. Dann wieder schreie auf hebräisch aus den Lautsprechern. Ich weiß nicht, was sie sagen, aber die Drehtür bewegt sich wieder.

Checkpoint vor JerusalemDahinter verteilen sich die Leute auf verschiedene Schlangen, die durch verglaste Gänge, über denen der groß „Keep the gate clean!“ geschrieben steht, an neuen Kameras vorbei zu einer weiteren Drehtür führen. Hier werden wir fast ununterbrochen auf hebräisch angeschriehen. Ich wüsste gern, worum es geht.

Hinter dieser Drehtür sieht es aus wie bei der Gepäckkontrolle am Flughafen, nur ohne freundliches Sicherheitspersonal: Stattdessen sitzen Soldaten hinter einer dicken Glasscheibe und brüllen Befehle auf hebräisch in ihr Mikrofon.Checkpoint vor Jerusalem In dem Schmalen Gang packen die Leute ihre Taschen auf das Förderband und laufen selbstständig durch das Tor, das unbarmherzig piept. Dahinter ist eine Klappe, in die man seinen Ausweis werfen soll, damit er kontrolliert werden kann. Hier bin ich als Ausländer doch noch einmal im Vorteil: Als ich meinen Pass raushole, werde ich gleich weiter gewunken, gehe durch die letzten schmalen Gänge bis zum Ausgang, wo ich auf den nächsten Bus nach Jerusalem warte.

Die Fahrtzeit für die 16 km von Ramallah nach Jerusalem hat sich seit dem Wochenende für mich von etwa einer Stunde auf 1,5 Stunden verlängert. Schlimmer ist aber die Wut, die mich packt, wenn ich zwischen Gittern eingepfercht observiert und angeschriehen werde. Mit dieser Wut im Bauch macht es keinen Spaß durch Jerusalem zu laufen.

Checkpoint vor JerusalemAuf dem Rückweg wird nicht kontrolliert, da dauert die Fahrt manchmal nur 25 Minuten. Heute war aber wie so oft nur eine der vielen Spuren am Checkpoint geöffnet, so dass noch Stunden nach dem Berufsverkehr die Autos kilometerweit standen. Es ist so traurig zu sehen, wie willkürlich und sinnlos das ist. Im Bus habe ich eine belgische Freundin getroffen. Auch sie war wütend. Die PalästinenserInnen sind auch wütend – die regen sich aber schon längst nicht mehr darüber auf.

.

zurück zur Übersicht___________________________________zum nächsten Bericht


Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.

Posted in Weblog Ramallah.