3 Monate Ramallah: Verlorene Hoffnung (09. März)

Addi ist ein enger Verwandter meines palästinensischen Mitbewohners, der oft in unserer WG zu Gast ist. Er hat mir erzählt, dass er Jahre lang in Tel Aviv gelebt hat, dort als Kellner arbeitete, das Leben und das Meer genoss. Er hatte eine israelische Freundin, war glücklich und hatte große Pläne für die Zukunft. Doch nach Beginn der zweiten Intifada bekam er keine Aufenthaltserlaubnis mehr, arbeitete dennoch weiter, wurde irgendwann gefasst und verbrachte über ein halbes Jahr im Gefängnis. Danach durfte er noch zwei Jahre nicht einreisen. Danach sah er seine Freundin wieder, musste jedoch bald wieder wegen seines Aufenthalts ins Gefängnis. Danach war die Beziehung kaputt und er hat Ramallah seitdem kaum verlassen.

Der Felsendom in JerusalemEines Abends erzählte er mir viele erschütternde Geschichten von seinen Erlebnissen mit dem israelischen Militär, wie der israelische Geheimdienst in Palästina arbeitet und mit geradezu mafiösen Methoden versuchte, ihn als Informanten zu gewinnen. Von Israel spricht er dennoch in großen Tönen: Mit wehmütigem Blick erzählte er mir, wie gern er wieder dort wäre, wie sehr er Tel Aviv mag, wie gern er wieder zu seiner Exfreundin würde. Hebräisch spricht er nicht nur wie seine Muttersprache, sondern er lehrt es heute auch in einer Sprachenschule.

Ich war schwer beeindruckt von seinem Optimismus, von seiner Hoffnung und seinem Willen zu Frieden und Verständigung über alle Wunden hinweg.

Im Rahmen der Feierlichkeiten zum jüdischen Purim-Fest, zu dem viel Alkohol getrunken wird, Der Felsendom in Jerusalem.waren in Jerusalem am Dienstag orthodoxe Juden in den Felsendom gestürmt. An diesem Abend kam Addi mit fassungslosem Blick auf mich zu: Jetzt haben sie doch schon fast all unser Land, haben uns unsere Würde und unsere Freiheit genommen, nehmen sie uns nun auch noch den Felsendom? Das ist doch einer der zwei wichtigsten Orte der Muslime. Du weißt doch, es gibt den in Saudi-Arabien und den hier, in Jerusalem. Wer sind wir noch, wenn sie uns auch noch den Felsendom nehmen? Was werden die Leute dann tun?“ Seine Worte überschlugen sich vor Schmerz als er mit völlig hoffnungslosem Blick sagte: „Wenn die das machen, wenn die uns nun auch noch den Felsendom nehmen, dann gibt es eine dritte Intifada. Da bin ich mir ganz sicher, dann gibt es eine dritte Intifada.“

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Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.

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