3 Monate Ramallah: Sabbat (06. März)

Es ist unter Juden offenbar üblich, den Sabbat-Abend nicht allein zu verbringen. Die Familien kommen zusammen, und nehmen gern auch Gäste auf. Auch die Reisegruppe, die wir betreuten, war für den Abend auf Gastfamilien aufgeteilt worden. Und so wurde auch mir das Privileg zuteil, zusammen mit einer Kollegin Gast in einer religiösen jüdischen Familie zu sein.

Unsere Gastgeber waren Mitte dreißig, herzlich und witzig, ihre Kinder sprangen fröhlich umher. Wir fühlten uns willkommen. Die Frau tat die letzten Griffe am Essen, zündete dann die Kerzen an, sprach einen Segen und damit war der Sabbat eröffnet. Wir eilten in die Synagoge, ein moderner Bau ohne besondere religiöse Ausstattung, schlicht aber freundlich. Frauen und Männer waren durch einen halb durchsichtigen Vorhang, der den Raum von vorn nach hinten durchschnitt, getrennt. Der Gottesdienst lief schon: Aus Leibeskräften sangen die Leute Psalmen und Lieder zu frohen und flotten Melodien. Es wurde getanzt, im Takt geklatscht und improvisiert, mindestens doch ein abfallendes “ei-ei-ei-ei” zwischen den Strophen eingebaut. Das hat wirklich Spaß gemacht!

Zurück in der Wohnung hatten sich weitere Gäste zu uns gesellt: Zwei aus den USA eingewanderte Israelis, und ein amerikanisches Paar, das hier Urlaub macht – alles politisch linke, weltoffene Menschen. Zu meinem Glück, denn unsere Gastgeber waren da ganz anders: Der Krieg in Gaza hätte viel heftiger geführt werden müssen, da hätte man gar keine andere Wahl, eine Verhältnismäßigkeit könne es im Krieg nicht geben… Mir lagen die Bilder und Zahlen von unserem Besuch bei den UN am Vormittag noch schwer im Magen, die uns Schrecken und fürchterliche Unverhältnismäßigkeit des Krieges bildhaft vor Augen geführt haben. Ich war froh, nicht allzu viel darüber reden zu müssen.

Insgesamt war der Abend aber wunderschön. Fasziniert von den Gesängen, den Bräuchen und dem Essen, beeindruckt von der Herzlichkeit und Selbstverständlichkeit, mit der wir als Gäste aufgenommen wurden, machte ich mich auf den Weg zurück nach Ramallah.

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Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.

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