3 Monate Ramallah: Nächtliche Verhaftungen zu Purim (10. März)

Am Mittwoch waren in West-Jerusalem die großen Purimfreiern: Leute liefen verkleidet durch die Straßen – als Engel, Teufel, Cowboy oder Indianer, die meisten faszinierender Weise als Araber. Betrunkene orthodoxe Juden standen reihenweise an den Mauern um sich zu erleichtern. Eine wunderbar ausgelassene Stimmung lag in der Luft, aber auch eine vom Alkohol unterstützte Aggressivität.

Ich verbrachte den Abend mit einer Freundin aus Halle und vielen Bekannten aus Ramallah weitgehend in einer kleinen Kneipe, dem Uganda, wobei eine Berlin-Londoner Musikergruppe ein merkwürdiges Aktionskunstkonzert fabrizierte. Ein schöner Abend, an dem wir mit der Vermischung palästinensischen und israelischen Bieres in ein und demselben Magen einen eher bescheidenen Beitrag zur Verständigung in der Region leisteten.

Zu später Stunde fuhren wir mit Claudias Auto zurück nach Ramallah. Die mir inzwischen wohlvertraute Straße an der Mauer entlang, über den Qalandia-Checkpoint und durch nächtlich verschlafene und menschenleere Hauptstraße von Bireh nach Hause. Im Auto ging dabei die Party weiter… Doch unverhofft verstummte das Lachen und Claudia trat auf die Bremse: Am Straßenrand standen mehrere Kolonnen israelischer Militärjeeps und Panzerfahrzeuge. Eine Gruppe von rund 20 Soldaten in voller Kampfmontur hielt Gewehre auf uns gerichtet. Ein Augenblick stille, dann winken die Gewehre bestimmend zur Seite, weiterhin auf uns zielend. Offenbar sollen wir weiterfahren. Das tun wir.

Ich hatte oft von nächtlichen Einsätzen der Armee in den palästinensischen Gebieten gehört. Selbst in die Gewehrläufe zu schauen, ist vom Gefühl her aber etwas ganz anderes.

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Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.

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