3 Monate Ramallah: Hebron (08. März)


 Kinder feiern Purim in einer Innenstadtsiedlung in Hebron

Mit der Reisegruppe waren wir in Hebron, eine der ältesten Städte der Welt. Hebron ist sowohl das Handelszentrum des Westjordanlandes, eine moderne Stadt, in der etliche Millionäre leben, als auch eine der konservativsten Städte der Region. Es hat eine wunderschöne arabischen Altstadt aus dem Mittelalter, in deren Zentrum die Ibrahim-Moschee steht, in der angeblich Abraham begraben ist – einer der wichtigsten religiösen Orte für Muslime und Juden.

Straßensperre in der Innenstadt: Hinter der Mauer ist eine "Siedlung"Hebron ist das Eindrücklichste, was ich in den letzten Wochen erlebt habe. Leider nicht wegen seiner Schönheit: Mitten in der Innenstadt befinden sich mehrere Siedlungen. Das sind Häuser, die von radikalen Juden besetzt wurden, die aus der Thora ableiten, dass der Ort ihnen gehöre. Gitter schützen arabische Bürger vor Dingen, die die Siedler oben aus dem Fenster werfen.Diesen Anspruch machen sie oft gewaltsam deutlich, mit Beleidigungen und direkten Angriffen. Aus ihren Häusern bewerfen sie ihre arabischen Nachbarn mit Müll, Schrott und Steinen. Zum Schutz wurden Gitter über den Gassen befestigt, auf denen sich die heruntergeworfenen Dinge sammeln: Von Essensresten bis zu großen Betonteilen. Die Gitter haben oft Löcher, doch die israelische Armee, die die Gebiete um die Siedlungen verwaltet, sorgt selten für die nötigen Reparaturen.

Ein KontrollpunktZum Schutz der Siedlungen sind manche Straßen für Palästinenser ganz gesperrt, andere sind nur über einen Checkpoint erreichbar: Viele Leute müssen mehrmals täglich ihre Ausweise vorzeigen und sich langen Verhören stellen, ehe sie von ihren Wohnungen auf den Markt, zur Arbeit, oder wieder nach Hause können. Auch vor der Moschee ist ein Checkpoint, vor dem sich Freitags schon lange vor dem Mittagsgebet eine lange Schlange bildet. Trotzdem bekommen selten alle rechtzeitig die Einlassgenehmigung des Militärs. Und während die Leute da warten, spielen Lautsprecher in gellender Lautstärke israelische Kinderlieder und Schlager. So war das auch, als wir da waren: Ein fröhliches lalalala-lalah-lalah-lalalalala-lalah-lalah hallte uns plärrend entgegen, während die Soldaten unsere Pässe prüften und diskutierten, ob sie uns die Straße von der Moschee zum Markt passieren lassen würden.

Die Straße ist für Palästinenser gesperrt: Die Einwohner können ihre Häuser nur über die Dächer erreichen. Die Gitter vor den Balkonen halten sie von der Straße fern, schützen aber auch vor Angriffen der Siedler. Wenige Straßen weiter schien alles lockerer zu sein: Geschäfte an beiden Straßenseiten machten Lust auf Shopping, die Leute schienen ein normales Leben zu führen. Doch plötzlich jagte ein fußballgroßer Pflasterstein vor uns herab: Dach einer "Innenstadtsiedlung" In der oberen Etage waren wieder Sieder, Gitter gab es hier nicht. Der Stein lag da mitten auf der Straße in der Sonne, und wir drängten uns am Straßenrand, in der Hoffnung dort sicher zu sein. Oben auf dem Dach stand ein israelischer Soldat, genau auf dem Dach, von dem jemand den Stein geworfen hatte. Als er uns sah, grinste er nur und hielt uns lässig seine Hand zum „Victory“-Zeichen entgegen.

Wachturm im Stadtzentrum Graffiti in HebronGegengewalt gibt es nicht: Unzählige Soldaten sind in der Stadt, und einen Siedler anzugreifen würde niemand wagen. Denn jedes Kind, das einen Stein in seine Richtung wirft, muss mit einer Haftstrafe rechnen. Gegen die Israelis ist in Hebron dagegen bisher nicht ermittelt worden.

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Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.

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