3 Monate Ramallah: Jüdische Vegetarier (24. Februar)

Heute Abend war ich bei der Gesellschaft Jüdischer Vegetarier zum Essen eingeladen. Dieser Verein ist gerade wiederbelebt worden und bietet jetzt einen Service, der von Informationen zur Brutalität koscherer Schlachtung bis zum vegetarisch-jüdischen Single-Treff reicht… Heute Abend war einfach ein gemeinsames Abendessen angesetzt. Jeder hatte etwas vegetarisches gekocht, oder etwas gekauft: Ein arabisches Reisgericht mit Kartoffeln, ein thailändisches Reisgericht mit Erdnussbutter, gedünstetes Gemüse, britische Kekse und das angeblich beste Brot der Welt (ein deutsches Roggenbrot, das ein jerusalemer Bäcker auf dem Markt verkauft).

Gesellschaft Jüdischer VegetarierIch bin ganz zufällig dorthin gekommen: Zwei junge Israelinnen, die ich heute auf der Straße kennen lernte, haben mich mitgenommen. Beide waren erst vor wenigen Monaten eingewandert, aus den USA, bzw. aus Südafrika. Hier sagt man: Sie haben “Alyah” gemacht. Um dies zu erklären möchte ich (unsäglicher Weise) Wikipedia zitieren: “Seit dem Holocaust bezeichnet der Ausdruck die nachträglich periodisierten Einwanderungswellen von – meist europäischen – Juden nach Palästina bzw. Israel.” ( http://de.wikipedia.org/wiki/Alyah ). Praktisch heißt dies, dass sie seit ein paar Monaten die israelische Staatsbürgerschaft haben und nun mühsam hebräisch lernen, um sich in ihrer neuen Gesellschaft zurecht zu finden.

Bei dem Vegetariertreffen hatten viele erst in den letzten Jahren “Alyah” gemacht: Ein Taxifahrer aus London, eine Russische Ballettlehrerin,… Alles herzliche und freundliche Menschen, politisch links-grün, religiös und ein bisschen esoterisch. Bei der Vorstellungsrunde sollte jeder einen Segenswunsch äußern: Dass die Politiker jetzt nach der Wahl sich gut einigen, und bloß Netanyahu nicht Ministerpräsident wird, und dass es allen auf der Welt besser gehe und alle glücklich seien.

Ich war versucht zu sagen: “Und dass die Besatzung in den Palästinensischen Gebieten aufhört”, aber das wäre wohl unhöflich gewesen. Ich war Gast und wollte erstmal zuhören. Und ich war sehr dankbar, dass sie mich so herzlich aufnahmen!

Als ich später offenbarte, dass ich in der Westbank lebe, waren alle aufgeregt und fasziniert: “Wie ist das Leben dort?”, “Fühlst Du Dich da sicher?”, “Denken die Leute immernoch, es sei eine Besatzung?”. Es hat mich gefreut, ihnen vom Leben in Ramallah erzählen zu können. Sie haben nicht die geringste Ahnung. Weder von den schönen, noch von den hässlichen Seiten des Lebens hier – nur 15 km entfernt.

Eine Stunde später hatte ich den Checkpoint passiert und schaute auf dem Weg vom Bus nach Hause auf Jerusalem, das wie ein Lichtermeer von fast überall in Ramallah zu sehen ist. Ich schrieb eine freundschaftliche SMS in diese andere Welt.

Mein Mitbewohner erzählte mir später, dass er am selben Abend illegal in Tel Aviv war: Ein Freundin hatte ihn nach Israel geschmuggelt und er konnte zum ersten mal seit 10 Jahren wieder am Mittelmeer stehen. “Das war der Tag meines Lebens!” sagte er mir. Ich erzählte ihm von meinem Abend bei den Jüdischen Vegetariern, und dass die gern einmal hierher kämen, wenn sie könnten, wenn sie jemand schmuggelte. Wir saßen auf seinem Bett und prusteten vor Lachen, so völlig absurd schien uns das alles.



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Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.

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