3 Monate Ramallah: Über den unsichtbaren Konflikt (03. Februar)

p1090982_2„Wir befinden uns hier im Krieg“, sagt mein Chef. Man sieht ihn aber nicht: Die Straßen in Ramallah wirken gemütlich, es gibt viele Spielplätze und Cafés, die Infrastruktur ist erstaunlich in Ordnung, schicke neue Häuser sprießen überall aus dem Boden.

checkpoint-qalandia1Und dennoch sterben Menschen, nicht nur in Gaza. Auch in der Westbank greift das israelischen Militär gelegentlich ein, nimmt Verhaftungen vor, sorgt für „Ordnung“. Auch dabei sterben Menschen, auch dabei werden Gefühle verletzt. Selbiges gilt für das herabwürdigende Prozedere, denen die Menschen hier immer wieder ausgesetzt sind, indem sie mit Willkür und Herablassung behandelt werden. Auf beiden Seiten dieses Krieges sterben Menschen und werden Menschen verletzt, mit Abstand die meisten aber auf palästinensischer Seite.

Doch das sieht man alles nicht. Aber man kann es spüren:

checkpoint-qalandia3Vor kurzem konnte ich einem seltenen Treffen einiger Israelis und Palästinenser beiwohnen. Alle blieben ruhig, doch eine unheimliche Spannung lag in der Luft. Beide Seiten konnten nicht nachvollziehen, dass der andere die eigene Situation so wenig kennt und schätzt: Die Israelis hatten Angst um Bekannte, die Soldaten in Gaza waren, und konnten nicht begreifen, dass die Palästinenser das nur schwer nachvollziehen konnten. Denn diese kannten Menschen, die im Januar in Gaza gestorben sind: Freunde und Verwandte – und sie waren schockiert, wie wenig die Israelis wiederum dies nachvollziehen konnten.

checkpoint-qalandia4Es fällt mir extrem schwer darüber zu schreiben. Die Gefühle sind so stark und doch so schwer zu fassen. Dabei habe ich Angst, Gefühle zu verletzen oder in ein Fettnäpfchen zu treten, das sich schnell als riesiger Napf herausstellt. Es fällt mir auch schwer das zu ordnen und erst recht, es weiter zu vermitteln: Die Dinge, die ich hier höre sind schrecklich, was ich sehe ist wunderbar. Die Leute leben hier so gut, sie haben völlig andere Probleme als die Menschen, die ich vor Kurzem in Ägypten traf, die nur mit Mühe und vielen Jobs das allernötigste an Essen und Miete checkpoint-qalandia5finanzieren können. Die Leute hier in Ramallah haben ganz andere Problem, aber diese sind trotzdem total ernst! Sie haben zu essen und sind bestens gebildet, aber sie werden wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Alles ist so unterschwellig und so schwer zu erklären, schon schwer zu begreifen! Aber ich versuche sorgfältig zu sortieren, was ich hier sehen, höre und fühle und bedacht aufzuschreiben, muss mich dazu aber ganz schön zusammenreißen.

Umgang mit der Normalität

Ich höre manchmal von Leuten, dass es doch verrückt sei hier normal zu leben, wenn da so viel Scheiße passiert, einfach ins Kino zu gehen, sich um Schokolade zu sorgen oder gar eine Familie zu gründen… Aber das Leben geht ja ganz normal weiter. Vielen, die von außen kommen, scheint es viel zu normal. Aber die Besatzung dauert hier schon 42 Jahre, so lange kann man nicht aufhören ein normales Leben zu führen, man hat ja nur eins! Und sei der Konflikt auch noch so groß.


zurück zur Übersicht___________________________________zum nächsten Bericht


Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.

Posted in Weblog Ramallah.