3 Monate Ramallah: Neue und alte Geschichte(n): Von Jesus, Saladin und Arafat. (08. Februar)

Fläche rund um die MuqataDer Amtssitz des palästinensischen Präsidenten, die ‚Muqata‘, liegt nur fünf Fußminuten von meinem Zuhause entfernt. Das gesamte Gelände ist neu bebaut worde. Rings herum ist eine große leere Fläche, denn Israel hat den Komplex 2002 in wochenlangem Beschuss in Trümmer gelegt hat. Dort liegt auch Jassir Arafats Grab, ein riesiger Würfel aus Beton und Glas. Das hab ich mir heute mal angeschaut.

Arafats GrabAuf dem Rückweg kam ich am Rand der zerstörten Fläche mit einem Anwohner ins Gespräch: Er lebt in einem wirklich hübschen kleinen Haus mit schönem Garten in dem die Mandelbäume blühen. Alles hinter dem Haus fiel 2002 den israelischen Bombardements zum Opfer. Seine Nachbarin sei damals eine deutsche Journalistin gewesen, die aber weggezogen sei, nachdem ihr Auto von einer Bombe getroffen wurde. Er selbst sei damals willkürlich von der israelischen Armee verhaftet und in einem der Nachbarhäuser drei Tage lang geschlagen worden. Danach habe er noch dreieinhalb Jahre im Gefängnis gesessen. Die Zelle habe er mit einem Deutschen geteilt, der für die libanesische Hisbolla arbeitete.

Sein Cousin kam dazu. Er ist in den USA aufgewachsen, in Cleveland, Ohio. Nun ist er wieder in die Heimat seiner Eltern zurückgekehrt und sucht Arbeit, nun schon seit einem Jahr.

Blick auf die Saladin-MoscheeDie beiden haben mich noch auf einen Spaziergang nach Hause begleitet, wo sie mir einiges zur Geschichte des Ortes erzählten: wenige Meter von unserem Haus entfernt liegen die (archäologisch freigelegten) Fundamente einer Kreuzfahrerkirche. Die wurde hier erbaut, weil es über die Stelle heißt, dass Maria und Josef hier mit dem kleinen oder pubertierenden Jesus waren, der dann verschwunden ist und den sie schließlich im Tempel mit den Gelehrten fanden (das stand so auch in meine Reiseführer, die Bibelstelle muss ich aber noch nachschlagen…). Nach der Zerstörung der Kirche durch Saladin hat dieser an der Stelle eine Moschee errichtet, seit kurzem brandneu und modern wiedererrichtet.

Für mich war das ein wilder Streifzug durch die Geschichte in 30 Minuten. Für die Leute hier ist vieles davon leider Realität.


zurück zur Übersicht___________________________________zum nächsten Bericht


Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.

Posted in Weblog Ramallah.