3 Monate Ramallah: Leben in mehreren Welten auf einmal (07. Februar)

Die Mauer zwischen Ramallah und JerusalemMan erlebt hier so viel! Es wird hier nie langweilig! Ein dauernder Input an Informationen! Solche Sätze höre ich oft, und auch ich habe das Gefühl schon seit vielen Wochen hier zu sein (und nicht erst eine). Aber wir Ausländer leben hier in mehreren parallelen Welten zugleich: Für die meisten Menschen in Ramallah hört die Welt an der Mauer auf. Wir Ausländer aber fahren mal schnell zu einem Termin nach Jerusalem, auf eine Demo nach Tel Aviv, zum Flughafen oder einfach mal ans Meer. Dort bewegen wir uns so sicher wie hier, unter Leuten die niemals nach Ramallah kommen. Wir haben hier und dort Bekannte, vielleicht auch Freunde. Jerusalem ist dabei noch eine Welt für sich, nein checkpoint-qalandia5eigentlich sogar zwei: Die Stadt ist geteilt, auch wenn es keine Grenze oder Mauer in ihr zu sehen ist. Doch das arabische Ostjerusalem und das jüdisch-israelische Westjerusalem wirken völlig verschieden. Man tritt unmerklich – durch das Wechseln der Straßenseite oder den Gang um eine Häuserecke – in eine andere Welt. Wir sind überall, in diesen getrennten Welten. Wir schauen in Ramallah aus dem Fenster auf die Skyline von Tel Aviv in der Ferne und überlegen, am Wochenende ans Meer zu fahren.

Eine weitere Trennung besteht zwischen Ausländern und Einheimischen: Ramallah ist voll von Menschen, die in NGOs und Hilfsorganisationen arbeiten. Wir sitzen zusammen in hübschen Straßen-Cafés, man redet englisch, deutsch oder italienisch, spricht über Probleme bei der Einreise und darüber wie verrückt hier doch alles ist. Nur eine kleine Gruppe von Einheimischen nimmt an diesem Leben teil. Meinem Eindruck nach ist dies aber auch eine Welt, die neben dem “normalen” Leben auf den Straßen existiert. Wir wechseln mitunter auch zwischen diesen Welten.

All diese Welten auseinander zu halten, im Kopf zu trennen, das richtige Verhalten am richtigen Ort zu bringen, die verschiedenen, teilweise brutalst gegensätzlichen Informationen aus den Welten verarbeiten, das kostet Kraft und gibt einem das Gefühl, unheimlich viel zu erleben.

Überall Ausländer (09. Februar)

Heute habe ich herausgefunden: Ich wohne doch nicht mit Palästinensern zusammen. Mein Mitbewohner Amin ist in Kuwait geboren und erst seit ein paar Jahren hier. Genauso sein Cousin Mahmud und Amins Bruder, die beide ebenfalls hier Wohnen. Shadee, der Nachbar von untendrunter ist auch kein Palästinenser: Er kommt aus Italien und hat erst hier in den letzten zwei Jahren arabisch gelernt. Bei einer Freundin von Mahmud, die hier auch irgendwo wohnt und gestern für uns gekocht hat, bei der war ich mir am wenigsten sicher: vom Kopftuch bis zur Aussprache schien alles auf Palästina zu deuten… – aber sie kommt aus Venezuela, ist erst seit einem Jahr hier und geht jetzt wieder zurück. Auch sie hat hier arabisch gelernt.

Wir saßen heute also beim Essen, und waren alle Ausländer. Ich auch.


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Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.

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