3 Monate Ramallah: Hikmet (01. Februar)

Nachem es tagelang ging es mit der Wohnungssuche nicht voran ging, beschloss ich selbst eine Anzeige aufzugeben: “Student aus Deutschland sucht Zimmer in Ramallah/al-Bireh, bitte melden!” Nicht ganz so, aber fast.

Schon wenige Minuten später hatte ich den ersten Anruf und mein Telefon sollte die nächsten Stunden kaum schweigen. Aber die Anrufer waren alle nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte: Eine Frau rief aus Bethlehem an, ich könne da wohnen wenn ich ihre Mutter, die im Rollstuhl sitzt pflege – aber nur bis April, dann käme ein “Volunteer”. Aber eigentlich sei es doch nicht gut, denn sie suche ja eine Frau dafür.

Der nächste, der mich anrief sagte: “Also wir sind ein Hotel, aber wir könnten ihnen ein Zimmer auch monatlich berechnen…” Wo das Hotel sei konnte er mir aber nicht erklären. “Steigen sie in ein Taxi und fragen Sie nach dem Al Ain Hotel!” Bisher wusste hier aber noch kein Taxifahrer, wo der Ort ist zu dem ich wollte…

Und schließlich rief Hikmet an. Er ist bei mir im Büro bestens bekannt: Er ist Immobilienmarkler und hat jedem schon ein Zimmer vermittelt, oder es zumindest versucht. Sein erstes Gebot war eine Wohnung für 500 Dollar – unbezahlbar. Sein zweites Angebot war ein Zimmer in einem “shared appartment”, zu Deutsch: in einer WG. Wie viele Leute da wohnten, fragte ich: “I myself and you, if you want. It’s my flat.” Na gut. Hab ich mich also am Nachmittag mit Hikmet getroffen. Der rief ein Taxi und wir fuhren bis ans andere Ende der Stadt. Dort lebt Hikmet, in einer protzigen Gegend, die deshalb aber noch lange nicht schön ist. Hikmet ist ein kleiner untersetzter Mann, der irgendwie gemütlich und quirlig zugleich wirkt und dem es nicht gelingt in seinem Rollkragenpullover , der ihm mangels Hals bis zum Mund reicht, stilvoll auszusehen. Er ließ eine ehrliche Freundlichkeit verspüren, die aber immer mal wieder von geschäftshungrigen Blicken durchkreuzt wurden.

Er führte mich also in seine spießige Wohnung, die teuer und sauber eingerichtet war, aber unheimlich verbaut. “Mein” Zimmer war komplett in rosa und Pinktönen eingerichtet. Kurz: es war nicht ganz mein Stil.  Ob er mir noch etwas anderes anbieten könne? Ja natürlich, das koste dann eine Provision, sei aber eine ganz eine tolle Wohnung… Ein Anruf, ein paar Meter die Straße runter und ein weißes Auto hält vor uns, wir steigen ein. Ein auffällig teuer gekleideter Mann mit rasiertem Kopf und Sonnenbrille sitzt am Steuer, er sieht gefährlich aus, ist aber sehr nett. Ich bin etwas überrascht, als wir plötzlich anhalten und beide aussteigen. Nein das ist noch nicht die Wohnung, aber ja, eigentlich könne ich auch mitkommen. Ein kleiner buckeliger Mann empfing uns und führte uns in eine riesige Wohnung. Ein Rundgang, dann ein Verkaufsgespräch an der langen Tafel im Wohnzimmer bei Zigarettenqualm. Die Szene hätte aus dem Paten sein können, den Text habe ich aber nicht verstanden, obwohl ich denke, dass er ganz harmlos war.

Next Stop: Das Büro von Hikmets Cousin. Der lebt in der Wohnung, die Hikmet mir zeigen wollte, hatte aber keine Zeit. Ein Schluck Kaffee, ein Rundgang durch die Büroetage, dann wieder ins Taxi. Nun endlich zur Wohnung. Ich habe keine Lust mehr, schaue mich um. Es ist OK, sehr in der Nähe, aber ein bisschen hässlich. Vor allem habe ich aber keine Lust mehr auf Hikmet. Der will am liebsten sofort Bares, spricht von “Männergesprächen”, “unter uns” und “für wieviel ich’s nähme” “unter Freunden”. Ich sage, ich melde mich in den nächsten Tagen und fliehe.


zurück zur Übersicht___________________________________zum nächsten Bericht


Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.

Posted in Weblog Ramallah.