3 Monate Ramallah: Gaza ist auf einem anderen Stern (03. Februar)

Den letzten Monat vor meiner Abreise aus Deutschland war der Krieg in Gaza das Thema, das mich am meisten beschäftigte: Viele meiner Freunde und Verwandte rieten mir, nicht genau jetzt „da hin“ zu fahren, fragten immer wieder wie gefährlich es „dort“ sei und machten nur halbernst gemeinte Witze à la „… duck Dich, wenn die Bomben fallen“! Friedensdemos begegneten mir in Halle und Berlin, und auch ich bekam etwas Angst vor meiner Reise.

Nun bin ich hier, und Gaza ist ganz weit weg. Gefühlt viel weiter, als in Berlin oder Halle! Hier scheint das Leben in Ordnung zu sein, alles ist intakt, die Menschen haben ganz andere Probleme. Es gibt praktisch keine Demos in Ramallah, es gibt keine Transparente und Plakate in den Fenstern, in den Straßen, an den Wänden. Die Leute tragen keine „no war“-Buttons. Nur hin und wieder sieht man einen kleinen Aufkleber mit dem blutverschmierten Wort „Gaza“ auf schwarzem Grund.

Dabei haben fast alle hier Verwandte in Gaza. Viele auch Freunde und ehemalige Kollegen. Manche von denen sind diesen Januar im Krieg gestorben.

Aber der Kontakt ist nicht eng: Schon seit über 10 Jahren wird der Reiseverkehr zwischen dem Westjordanland und Gaza weitgehend unterbunden. Schon seit langem kann niemand mehr dahin, kommt kaum einer rein und raus, weder auf der einen, noch auf der anderen Seite. Die letzte Generation ist ohne Kontakt nach Gaza aufgewachsen.

Das heißt nicht, dass die Leute hier nicht an Gaza danken, im Gegenteil: Sie fühlen sich extrem verbunden mit den Leuten in dem 150km entfernten Landstück, das bis vor kurzem noch die andere Hälfte ihres Landes war. Eben auch und gerade weil dort Familienangehörige wohnen. Doch die Leute scheinen Hilflos und Resigniert in einem Konflikt, der schon ewig hier zu sein scheint und zu dem es immer weniger Lösungsmöglichkeiten zu geben scheint.

Und so weiß man darum und denkt daran – anders als in Deutschland, aber viel weniger wahrnehmbar. Gaza ist auf einem anderen Stern.

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Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.

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