3 Monate Ramallah: Endlich ein Gefühl von Zuhause (04. Februar)

Als Hikmet mich am Morgen zum x-ten Mal wegen der Wohnung anrief, sagte ich ihm schließlich zu. Mit Bauchschmerzen. In der letzten Stunde waren mehrere “Zimmer gesucht”-Anzeigen im Internet aufgetaucht, aber seit Tagen keine Angebote mehr. Ich hatte Angst noch etliche Wochen auf der Couch zu verbringen.

Also vereinbarte ich, mich mit Hikmet zu treffen. Ich würde die Schlüssel bekommen und das ganze Geld solle ich ihm auch gleich geben. Da musste ich ihn etwas ausbremsen.

zu-hause3Doch Hikmet kam nicht zur Wohnung, sondern rief an, als ich schon fast da war: ich solle in sein Büro kommen. Von dort schickte er mich dann zurück, machte zuvor aber noch einen riesigen Aufriss aus der Frage, wie ich dahin käme. Ich wisse schon ungefähr, aber welche Hausnummer und welche Etage, dass müsste ich noch wissen, versuchte ich ihm zu vermitteln. Aber diese Fragen erreichten ihn irgendwie nicht, als wäre eine gläserne Wand zwischen uns. Er telefonierte mit verschiedenen Freunden, die mich hinbringen, irgendwo abholen, ein Stück begleiten sollten. Das dauerte ewig, dabei sind das nicht viel mehr als fünf Minuten Fußweg! Letztlich brachte er mich den halben Weg, dann empfing mich Mahmud, auch ein Cousin von Hikmet. Wie ich später herausfand kommt der aus einem Dorf bei Nablus und hat einen Job für ein paar Wochen in Ramallah gefunden, als Friseur. Und da wohnt er jetzt mit bei Amin. OK, also ein Fremder mehr in dieser Wohnung, die für die nächsten zwei Wochen eine zweier-WG sein sollte. Aber dessen nicht genug: Mein Zimmer in der WG war schon belegt, nicht durch Mahmud, nein durch jemand anderen. Den würde ich schon noch kennen lernen…

zu-hause1Mahmud macht den Fernseher an, einen amerikanischen Film für mich und stellt mir einen frischgemachten Smoothie und ein Stück Schokokuchen vor die Nase. Eigentlich superlieb, aber ich konnte das kaum würdigen: Ich saß also in dieser völlig geschmack- und lieblos eingerichteten Wohnung, stundenlang und niemand kam, mein Zimmer war belegt, ein Fremder saß in der Küche und ich wollte einfach nur weg, ganz weit weg!

zu-hause4Zum Glück ist dann doch alles gut geworden: Als Amin (mein Mitbewohner, ebenfalls Cousin von Hikmet) kam, haben wir hier Möbel und Sachen hin und her geschoben, gemeinsam arabisch gegessen und ein bisschen erzählt und am Ende war doch alles gut. Der zweite “reguläre” Mitbewohner kam dazu, ein Kunstmaler in den 40ern. Später konnte ich endlich in meinem eigenen Bett schlafen. Traumhaft.

Ruhe und Heimelichkeit (Sonntag, 08. Februar)

Sitze bei barocker Musik in meinem Zimmer und genieße das Wochenende. Ruhe. Nichts wichtiges zu tun. Nichts, was unbedingt noch organisiert werden muss. Mein Blick schweift herum, auf die Häuser Jerusalems, die ich in einigen Kilometern entfernt aus dem Fenster sehen kann, auf die ersten Bilder, die ich mir hier aufgehängt haben um es mir in diesem Zimmer gemütlich zu machen. Habe etwas aufgeräumt und sogar angefangen die Fenster zu putzen. Kam mir ziemlich spießig vor, aber der Blick nach draußen ist dadurch schöner geworden. Selbst die Spiegel des Kleiderschranks habe ich sauber gemacht… In einer fremden Umwelt, wird das eigene Zuhause offenbar viel wichtiger.

Und damit bin ich hier nicht allein: Neue Freunde und Bekannte erzählen mir, wie sie lieber etwas mehr ausgeben, um einen Garten, einen schönen Balkon, etwas Sonne, eine richtige Heizung, ein schönes Wohnumfeld zu haben. Für einen hübschen Teppich oder eine paar angenehme Möbel werden durchaus Fahrten nach Jordanien organisiert oder Sachen gar aus Deutschland angeliefert. Ja, in Israel gäbe es auch einen IKEA-Markt, der sei aber der teuerste IKEA der Welt mit Aufschlägen von mindestens 30%. Außerdem schlecht zu erreichen und es wäre ja auch peinlich mit einem Lastwagen voll IKEA-Möbel über den Checkpoint zu fahren…

Auch Kleinigkeiten werden wichtig für das Leben: Eine Freundin erzählte mir, dass sie sich hat Puddingpulver schicken lassen, und dass es einen bestimmten Supermarkt gäbe, in dem man auch Milka-Schokolade kaufen könne. Ich war gestern erst in einem Café eine heiße Schokolade trinken und habe mich neulich bei einem Meeting über echten Kaffee wie man ihn in Deutschland trinkt gefreut.

So schaffen wir uns hier alle einen Hauch deutscher Gemütlichkeit im Leben in Ramallah.


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Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.

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