3 Monate Ramallah: Bethlehem (14.Februar)

Überland nach Bethlehem

Straße nach Bethlehem

Es ist Wochenende, deshalb wollte ich heute einen Ausflug machen. Das Wetter war sonnig und warm, und ich hatte Ramallah ja seit zwei Wochen nicht mehr verlassen. Das beste Verkehrsmittel für einen Ausflug ist hier das “Service Taxi”: Das sind Minibusse, die auf festen Strecken fahren, aber nicht zu festen Zeiten. Es gibt in Ramallah einen Zentralen Busbahnhof für die “Service”. Wie auf einem Basar rufen die Fahrer ihr Fahrtziel aus bis der Wagen voll ist. Dann geht’s los. Mir war es egal wohin ich fahre und stieg in den erstbesten Bus ein: Nach Bethlehem.

Grenzkontrolle Bethlehem

Checkpoint bei Bethlehem

Bethlehem liegt nur 30 km Luftlinie entfernt. Doch weil die Palästinenser nicht nach Israel einreisen können, fährt das “Service” in einem riesigen Umweg um Jerusalem herum, am Rand des 1500 Höhenmeter tiefer gelegenen Jordantals entlang, über steile Serpentinen wieder hinauf nach Bethlehem. Vor dem Ortseingang werden am Checkpoint aber erstmal die Pässe kontrolliert.

Altstadt Bethlehem

Altstadt Bethlehem

Dann steh ich da, zwischen Kreuzen, Krippen und Schweifsternen: Bethlehem. Eine traumhafte Altstadt voller brodelndem Leben, dazwischen immer wieder Kirchen, Klöster, Kapellen, Missionen. Mönche, manche mit dicken Anoraks über ihren Kutten, schicke Zufluchten für Pilger, zwischen allem ein großes “Peace Center” mit einer Ausstellung von Weihnachtskrippen aus aller Welt.

Daneben läuft das normale Leben einer normalen arabischen Stadt. Kinder spielen auf den Straßen, arbeitslose Jugendliche Stehen am Straßenrand, alte sitzen auf den Terrassen und trinken Tee. Überall weht frische Wäsche zum Trocknen im Wind. Die Ruhe des Wochenendes lullt alles ein.

Eine alte aber höchst agile Frau fängt plötzlich an auf mich einzureden, hört nicht mehr auf, erzählt ganz begeistert dass sie ja auch Christin sei und lädt mich bald zum Tee in ihr Wohnzimmer ein. Was ich arbeite, fragt sie auf dem Weg: “Bei der Heinrich-Böll-Stiftung, einer politischen Stiftung aus Deutschland…” “Einer Stiftung?!”, fragt sie begeistert und ruft laut in ihren Hausflur herein, dass ein “Stiftungsmitarbeiter” (arab.: “mu’assassi”) zu Gast sei. Ihre Begeisterung kennt keine Grenzen, und als ihr Mann und ihr Sohn das Zimmer betreten erzählt sie immer wieder, dass ich ein “mu’assassi” sei, aus Deutschland!

Weihnachtskrippenausstellung

Weihnachtskrippen-ausstellung

Das kleine Wohnzimmer war gemütlich-spießig eingerichtet, so wie es auch in Deutschland bei alten Leuten nicht auffallen würde. An der Wand hingen zwei große Fotos: Auf dem einen eine junge Frau, auf dem anderen ein junger Mann. Um das Fotos des Mannes war eine Kette von Kunstblumen gehängt. “Das ist mein Sohn,” sagte sie mir noch bevor ich mich hinsetzen konnte, und fügte stolz hinzu “Er ist Märtyrer. Er wurde von den Israelis erschossen. Ein Märtyrer!” Die Frau auf dem anderen Foto war ihre Tochter. In der Wohnzimmertür stand ihr anderer Sohn. Von ihm hing keine Foto an der Wand, und sie redete die ganze Zeit, als wäre er nicht anwesend: Er sei Taxifahrer gewesen, habe aber einen schweren Verkehrsunfall gehabt, seitdem habe er einen schweren Schaden im Kopf. Ich konnte dem jungen Mann nichts ungewöhnliches anmerken, außer, dass ihn niemand beachtete.

Bethlehem

Bethlehem

Dann löcherten sie mich mit Fragen über die Heinrich-Böll-Stiftung: Was sie tue, woher sie ihr Geld beziehe, in welcher Straße und in welchem Stockwerk ihr Büro sei, ob sie den Palästinensern Geld gäbe. Ich versuchte bestmöglich zu antworten. Dann kam die Frage, die sie wohl die ganze hatten stellen wollen: “Und, also, hat Deine Stiftung nun einen Platz für unseren geisteskranken Jungen?” Ich verstand nicht, was sie meinten, auch nicht nach mehrfachem Nachfragen. Ob sie die Stiftung für eine Behindertenwerkstatt, eine Wohltätigkeitseinrichtung oder etwas medizinisches hielten, weiß ich nicht. Die beiden waren aber sichtlich enttäuscht, dass ich nicht verstand und auch noch sagte, ich wisse nicht viel über Medizin.

Nichtsdestotrotz sollte ich ihnen versprechen bald wieder zu kommen.


zurück zur Übersicht___________________________________zum nächsten Bericht


Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.

Posted in Weblog Ramallah.