3 Monate Ramallah: An- und Einreise (27. Januar)

Anreise

Über den Wolken...

Dienstag früh in Berlin am Flughafen, das Abschiedskommitee winkt, der Grenzbeamte wünscht mir einen guten Flug, meine Schuhe werden nach Sprengstoff überprüft und mein Rucksack wird Stück für Stück auseinandergenommen – bis der mysteriöse Gegenstand gefunden ist: meine Reisetaschenlampe.

Etwas später ziehen Wolken an mir vorüber. Ein weißes Wattemeer erstreckt sich unter mir, und daraus sticht die rotweiße Antenne des Berliner Fernsehturms. Ein traumhaftes Naturschauspiel, dessen Anblick ich mir mit dem viel zu hohen CO2-Ausstoß des Fliegers teuer erkaufe.

Dann geht alles ganz schnell: Getränke, Frühstück, Shopping, Getränke, Snack und Landeanflug. Tel Aviv. Nach dem Flug über die Skyline landen wir fern ab der Stadt zwischen Palmen.

Einreise

Endlich hat auch mein Sitznachbar angefangen mit mir zu reden. Und bei der Gelegenheit gar nicht mehr aufgehört: Ein Musiker aus dem Jerusalemer Sinfonieorchester, US-Amerikaner. Er warnte mich vor den Grenzkontrollen bei der Einreise „Die Fragen einen nach allem und versuchen Dich in irgendeine Schublade einzuordnen. ‚Rasse‘ ist dabei ganz wichtig. Die fragen Dich nach dem Namen Deines Vaters, Deiner Mutter, Deines Bruders, Deiner Grußeltern und so weiter. Die fragen: Gehören Sie einer religiösen Gemeinschaft an?“ Als Nicht-Jude mit Arbeitserlaubnis würde er dann besonders viel Aufsehen erregen. „Wenn die glauben, dass Du Dich hier zum Arbeiten niederlassen willst, sieht es gleich viel schlechter aus mit der Einreise.“

Tatsächlich geriet ich unter Druck: Mitten auf dem Gang wurde ich von einer Frau von der „Security“ befragt, dann kam die Einreisekontrolle und ich wurde stark beargwöhnt: Ein Praktikum in Tel Aviv wolle ich machen (von vorn herein wurde mir geraten nicht „Ramallah“ zu sagen, da Reisende in die West Bank ohne Ende befragt würden). Was das bedeute? „I’m a student and and for practice I’ll work there for three months….“ — „WORK?!?! You want to WORK here??!“ wurde ich rüde und laut unterbrochen. Als ich ein paar Minuten Diskussion später mit einem verschmierten Stempel im Pass weitergehen durfte, war ich heilfroh… und in Israel!

Durchreise

Vor dem Flugplatz standen Minibusse nach Jerusalem. Fahrt durch spannendes hochmodernes Land. Dann ins märchenhafte Altstadtgassengewirr Jerusalems. Überall Männer in mit schwarzen Anzügen und Hüten und Backenlocken. Sehen fröhlich und freundlich aus – aber fast comichaft, weil alle gleich auszusehen scheinen. Aus dem Radio Klezmer-Musik. Ich fühl mich wohl und bin fasziniert. Sowas hab ich noch nie gesehen.

Der Busfahrer ist langsam genervt, weil die Männer mit den schwarzen Hüten im Bus nacheinander bitten doch noch eine Straße weiter gefahren zu werden und er so letztlich jeden vor der Haustür absetzt. Kinder rufen den vom Flughafen kommenden Vätern fröhliche Grüße zu.

ramallahMich lässt der Fahrer rund 100m vor einem Busbahnhof heraus. Dort scheine ich in einer anderen Welt zu sein: Auf einmal sind nur noch Araber um mich herum. Abgesehen davon, dass ich immernoch mit israelischen „Shekel“ bezahle, fühle ich mich wie in einem anderen Land.

Am Checkpoint wurden wir nur durchgewunken. Damit war ich in der West Bank. Bergauf-bergab-bergauf-bergab… Dann Ramallah, meine Heimat für die nächsten drei Monate!

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Joachim Langner macht ein dreimonatiges Praktikum im Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah. Regelmäßig berichtet er in einem Blog über die Lage vor Ort und seine Arbeit.


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