Geschichte und Propaganda

Die Ottonen im Schatten des Nationalsozialismus

Am 25. September 2003 fand im Schlossmuseum in Quedlinburg ein Kolloquium zur ottonischen Rezeptionsgeschichte im „Dritten Reich“ unter der Schirmherrschaft von Frau Dr. Antje Vollmer, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, statt.

In diesem Tagungsband des Schlossmuseums Quedlinburg und der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt sind die Beiträge der anwesenden Referentinnen und Referenten zusammengefasst. Die Broschüre ist für 5 EUR erhältlich bei der

Heinrich-Böll-Stiftung
Leipziger Straße 36
06108 Halle (Saale)
www.boell-sachsen-anhalt.de

Inhaltsverzeichnis:

  • Christian Mühldorfer-Vogt (Schlossmuseum Quedlinburg) – Vorwort (Seite 7)
  • Dr. Antje Vollmer – Grußwort (Seite 9)
  • Christian Mühldorfer-Vogt – Die Ausstellungskonzeption von „Geschichte und Propaganda“
    im Quedlinburger Schlossmuseum (Seite 11)
  • Matthias Puhle – Die ottonischen Herrscher in der Rezeption des Nationalsozialismus (Seite 19)
  • Uta Halle – NS-Propaganda im Spiegel arch ¨aologischer Quellen (Seite 31)
  • Frank Helzel – Der ‚Deutsche Drang nach Osten‘, Himmlers ‚Programm Heinrich‘ und die im Osten ins Auge gefassten Eroberungen (Seite 53)
  • Wulff E. Brebeck – Wewelsburg – Erinnerungskultur und Schatten rechtsextremer Mythen (Seite 85)
  • AutorInnenverzeichnis (Seite 113)

AutorInnenverzeichnis:

  • Wulff E. Brebeck, geb. 1946 in Kassel, Studium der Politologie, Geschichtswissenschaft und russischen Philologie. Seit 1980 Leiter des Kreismuseums Wewelsburg. U. a. Vorsitzender des Internationalen Komitees der Gedenkstätten für Opfer staatlicher Gewaltverbrechen im Internationalen Museumsrat (ICOM). Veröffentlichungen u. a. zur Geschichteder Wewelsburg im 3. Reich und zur nationalen und internationalen Erinnerungskultur.
  • PD Dr. phil. Uta Halle, geb. 1956, Studium der Vor- und Frühgeschichte, Geologie, Anthropologie und Volkskunde in Hamburg. Privatdozentin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Veröffentlichungen: Monographien und zahlreiche Aufsätze zur mittelalterlichen und neuzeitlichen Keramikproduktion und -handel, zur Dorf- und Umweltgeschichte und zur Archäologie während der NS-Zeit.
  • Dr. phil. Frank Helzel, geb. 1941, Schulzeit in der ehemaligen DDR und in Nordhessen. Von 1967 bis 2004 Lehrer für die Fächer Deutsch, Französisch und Spanisch. Zahlreiche Publikationen, u. a. „Ein König, ein Reichsführer und der Wilde Osten. Heinrich I. (919-936) in der nationalen Selbstwahrnehmung der Deutschen“ (Bielefeld 2004).
  • Christian Mühldorfer-Vogt, M. A., geb. 1960, Studium der Geschichte, Soziologie und Pädagogik. 1996 mitverantwortlich für den Aufbau der Dokumentationsstätte Stalag 326 in Schloß Holte/Stukenbrock, seit 1999 Leiter der Städtischen Museen der Stadt Quedlinburg. Zahlreiche Veröffentlichungen zur neuzeitlichen Geschichte und zur Museumskonzeption.
  • Prof. Dr. phil. Matthias Puhle, geb. 1955, Studium der Geschichte, Germanistik, Philosophie und Pädagogik. Seit 1991 leitender Direktor des Kulturhistorischen Museums Magdeburg. Seit 2004 Honorarprofessor für „Stadtgeschichte und Geschichtskultur“ an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte der Hanse, zur mittelalterlichen Stadtgeschichte und zur Museumstheorie.

Vorwort von Christian Mühldorfer-Vogt (Schlossmuseum Quedlinburg):

Mit der Überschrift „Stellt die Lautsprecher in die Fenster“ forderte am 2. Juli 1936 der Völkische Beobachter die Quedlinburger Bevölkerung auf, die sogenannte „Heinrichsfeier“ akustisch auch in den entlegensten
Winkel zu tragen. Der über alle Rundfunkstationen übertragenen Veranstaltung in der Quedlinburger Stiftskirche sollte sich niemand entziehen können. Diese „Beschallung“ war Teil des vielschichtigen totalitären Propagandakonzeptes, das darauf abzielte, den in der Stiftskirche bestatteten Heinrich I. als Vorreiter der Politik Hitlers darzustellen. Die Politik des sächsischen Herrschers wurde so zu einem Instrument der Legitimation des NS-Regimes.

Fortan sollte sein Todestag – der 2. Juli 936 – in der Stiftskirche gefeiert werden, die in diesem Rahmen zur „Kult- und Weihestätte“ der SS umgebaut wurde. Dieses von Himmler und seiner SS veranstaltete Spektakel konnte nur durch den bewussten Missbrauch der Geschichte möglich gemacht werden, wobei die Grenze zwischen (Geschichts-) Wissenschaft und Propaganda nahtlos ineinander überging.

Im Rahmen des Ausstellungsprojektes „Auf den Spuren der Ottonen“ wurde „Geschichte und Propaganda“ am 1. April 2004 im ottonischen Kellergewölbe des Schloßmuseums der Öffentlichkeit freigegeben. Das bundesweite Interesse an dieser Ausstellung lässt sich auch damit erklären, dass diese Form der Geschichtsaufarbeitung – die Rezeptionsgeschichte – im musealen Bereich dieser Region bislang nicht stattgefunden hat; „Geschichte und Propaganda“ betrat somit Neuland.

Trauriger Höhepunkt des wissenschaftlichen Mißbrauchs der Quedlinburger Geschichte war die unter dem Namen „Wiederbeisetzungsfeier“ bekannte 2. „Heinrichsfeier“ im Jahr 1937. Die im Rahmen archäologischer
Grabungen gefundenen vermeintlichen Gebeine Heinrichs I. wurden mit großem Pathos wieder beigesetzt, sie erwiesen sich im Nachhinein als Fälschung. Vorbereitend zur Ausstellung fand am 25. September 2003 in Kooperation mit dem Museumsverband Sachsen-Anhalt e.V. sowie der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt e.V. im Barocksaal des Schloßmuseums ein Kolloquium statt. Unter dem Titel „Die ottonische Rezeptionsgeschichte im ‚Dritten Reich‘ unter besonderer Berücksichtigung Quedlinburgs“ wurden die historischen Entwicklungslinien und Brüche, die die „Heinrichsfeiern“ begründeten oder sich aus ihnen ableiteten, erstmals interdisziplinär diskutiert. Die vorliegende Broschüre gibt einen Großteil der Vorträge wieder.


Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt, Christian Mühldorfer-Vogt (Hrsg.):

Geschichte und Propaganda.
Die Ottonen im Schatten des Nationalsozialismus.

Halle (Saale); 2. Auflage 2008

ISBN 978-3-941061-01-9


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