Die Vierte Gewalt – unabhängig oder käuflich?

Im Rahmen der Reihe “Zwischen Lobbyismus und Bürgermedien – Perspektiven politischer Kommunikation in Deutschland” im halleschen Themenjahr 2007.

Veranstaltungsbericht

In seinem Eingangsstatement (“Wir müssen uns verkaufen!”) verdeutlichte Dr. Richard Meng mit Nachdruck den ökonomischen Zwang, dem die Medien unterliegen. Dabei betonte er, dass die Kaufbarkeit einer Zeitung auch indirekt ihre Unabhängigkeit impliziere. Letztlich bestimme das Leserinteresse mit den Verkaufszahlen die inhaltlichen Schwerpunkte, weniger seien es einzelne Lobbygruppen, egal ob Politiker oder Anzeigenkunden. Eine Abhängigkeit der Medien bestehe in erster Linie vom Markt und vom Publikum.

Am Beispiel der Frankfurter Rundschau erläuterte Dr. Meng das Zusammenspiel von seriöser Berichterstattung, politischer Abhängigkeit und finanziellen Zwängen. Die Zeitung wurde in einer finanziell desaströse Situation im Jahre 2004 von der SPD nahen Holdinggesellschaft DDVG übernommen, um sie letztlich vor der Insolvenz zu bewahren. Zwar gab es danach die eine oder andere Beschwerden über SPD-kritische Artikel, trotzdem hatte Parteilichkeit der Anteilseigner keinen Einfluss auf die Berichterstattung der Zeitung.

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Ein weiterer Diskussionspunkt war die zukünftige Rolle der Online-Auftritte von Zeitungen. Hierzu bemerkte Lukas Wallraff, dass das hohe Maß an Aktualität von online-Ausgaben zwar ein bedeutender Vorteil sei, das Papierformat von Zeitungen sich aber trotzdem halten werde. Das Abrufen der Websites setze die Verwendung eines Computers voraus, der aber nicht überall verfügbar und erwünscht sei. Der gedruckten Zeitung bleibe immer noch der Zug, das Café und schließlich auch das sogenannte “Stille Örtchen”.

In diesem Zusammenhang verwies Dr. Meng auf den Begriff “Wundertüte Zeitung”. Qualitativ hochwertigen Printmedien böten dem Leser die Möglichkeit, beim Durchblättern der Zeitung auch auf “Interessantes und Unerwartetes” zu stoßen. Dieser Überraschungseffekt sei ein bedeutender strategischer Vorteil von Zeitungen. Ein solches “Überraschungspaket” zu sein, sollte jede seriöse Zeitung anstreben.

Als problematisch bezeichneten beide Journalisten die immer knapper werdenden Ressourcen, die für investigativen Journalismus zur Verfügung stünden. Oft fehle das Personal, die Zeit und auch die Qualifikation für tiefgründige Recherchen. Hier sparten die Zeitungen zugegebenermaßen an der falschen Stelle. Gleichzeitig sei aber auch eine zunehmende Tendenz zur “Sensationsmache” wahrnehmbar. Hier gelte es, eine gewisse Ambivalenz auszuhalten und öfter nachzurecherchieren bzw. Fakten genau zu prüfen.

In der Diskussion mit dem Publikum ging es zunächst um Nachfragen zu konkreten Aspekten der politischen Tendenz bzw. Abhängigkeit der Presse. So wurde zum einen das Verhältnis des “klassischen” Journalismus zu Medien wie zum Beispiel Weblogs angesprochen. Diese könnten doch als Form der kritischen Öffentlichkeit einen Beitrag zur Kontrolle der Medien bieten. Lukas Wallraff sah dieses Potential, blieb aber wie sein Kollege Dr. Meng zunächst skeptisch gegenüber der inhaltlichen Qualität. Alles in allem seien Blogs eine sinnvolle Ergänzung, aber nicht mehr.

Zeitungen seien – so die einhellige Meinung im Podium – Tendenzbetriebe. Dies sei dann kein Problem, wenn – wie es in Deutschland der Fall ist – unterschiedliche Blätter möglichst alle wichtigen politischen Strömungen vertreten und so in einer Meinungskonkurrenz stünden. Problematisch sei aber vor allem die Themensetzung. Hier gebe es eine gewisse Abhängigkeit von der politischen Agenda, die die Platzierung von Problemfeldern außerhalb tagesaktueller Geschehnisse schwierig mache. Oft reagieren die Leser und Leserinnen kritisch auf solche Versuche.

Abschließend antworteten beide Gäste auf die Frage nach ihren Wünschen für die Zukunft des Journalismus. Lukas Wallraff sieht vor allem den Bedarf nach mehr Zeit für Recherchen, was sich angesichts der enormen Beschleunigung der Medien als schwierig erweisen sollte. Dr. Meng wünscht sich mehr kritische Leser und auch mehr kritische Journalisten, die trotz aller Unwägbarkeiten versuchen, eigene Themen an das Publikum zu bringen.


Veranstaltungsankündigung

Abgesehen von den öffentlich-rechtlichen Einrichtungen funktionieren die meisten Medien – darunter alle Tageszeitungen und politischen Wochenmagazine – auf der Basis markwirtschaftlicher Grundsätze: Anzeigen oder Auflagen müssen verkauft werden, damit sich die Zeitung oder der Fernsehsender rechnet. Doch was geschieht in Zeiten wirtschaftlicher Flauten? Welche Auswirkungen hat die seit einigen Jahren grassierende Krise der Printmedien auf deren Qualität? Wie immun sind Medien mit ihren spezifischen Eigeninteressen und wirtschaftlichen Produktionsbedingungen gegenüber Einflüssen von außen? Verschiebt sich – angesichts nur noch knappst besetzter Redaktionen – das Gewicht weg von Eigenrecherchen hin zur schnellen ungeprüften Publikationen von PR-Informationen?

Für eine Diskussion und fachkundige Kommentierung dieser und weiterer Fragen sind eingeladen:

  • Dr. Richard Meng (stellv. Chefredakteur der Frankfurter Rundschau und Buchautor)
  • Lukas Wallraff (Redakteur im Parlamentsbüro der “taz”)
  • Anne Sailer (freie Journalistin, Moderation)

Veranstaltungsort und -zeit:

Dienstag, 03. Juli 2007
19:30 Uhr
Englischer Saal, Franckesche Stiftungen
Franckeplatz 1, Halle (Saale)

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